Donnerstag, 2. April 2009

°5 __Strandleben, Falafelbars und M16-Gewehre

Tel Aviv hat einen langen Sandstrand. Jugendliche sitzen hier am Nachmittag in kleinen Gruppen zusammen. Rucksack-Touristen trinken in der Sonne ihr Bier. Junge Menschen spielen am Strand Fußball oder Beachball - das Spiel mit den zwei Holzschlägern und dem bunten Plastikball. Großfamilien essen gemeinsam auf bunten Decken. Pärchen sitzen auf den Felsblöcken und halten Händchen.

Als ich die Strandpromenade entlang laufe baut gerade ein junger Mann in Uniform gemeinsam mit seiner weiblichen Begleitung eine Sandburg. Sie lachen. Nicht weit davon entfernt, sitzen drei junge Männer im Kreis. Einer hat seine Militärstiefel ausgezogen und seine Uniform aufgeknöpft. Er lauscht dem Gitarrenspiel seines Freundes, dessen lange Rasta-Locken unter einer bunten Mütze hervor quellen. Die Sonne scheint. Am Himmel ist keine Wolke zu sehen. Man hört die Wellen und das regelmäßige Klacken der bunten Bälle auf den Holzschlägern. Leise klingt Gitarrenspiel herüber. Ein Holländischer Rucksacktourist erzählt mir, Israel sei sein „absolutes Lieblingsland.“

Am Abend sitze ich mit israelischen Bekannten vor einem Falafel-Lokal. Es ist ein milder Abend. Die Tische vor dem Lokal sind gut gefüllt. Es duftet nach Essen. Um mich herum sitzen Menschen aller Hautfarben. Osteuropäer, Nordafrikaner, Westeuropäer, Menschen aus den arabischen Ländern, Asiaten, alles scheint hier vertreten zu sein. Wortfetzen dringen an mein Ohr. Laute und leise Stimmen, hohe und tiefe. Die kunterbunte Menschensammlung spricht in einer gemeinsamen Sprache: Hebräisch. Wiederbelebt im frühen 20. Jahrhundert, als Nationalsprache für das neue/alte Heimatland der Juden. Heute wird vor den Tel-Aviver Falafel-Lokalen auf Hebräisch geklönt, geklatscht und diskutiert.

Wenn man am Strand von Tel-Aviv spazieren geht oder abends vor einem der zahlreichen Cafés und Restaurants sitzt, bekommt man einen kleinen Eindruck davon, was dieses Land wohl für viele Juden bedeuten muss. Israel: Die Heimat für das Volk ohne Land. Der sichere Zufluchtsort für die verfolgten Juden aus aller Welt. Die Heimat der Vertriebenen. Menschen aus aller Welt leben friedlich nebeneinander.

Nur eine gute Autostunde von Tel-Aviv entfernt leben Menschen auf einem kleinen Fleckchen Land. Die meisten von ihnen können nicht verreisen. Die Grenzen sind geschlossen. Vor wenigen Monaten rollten Panzer in diesen kleinen Landstreifen. Wochenlang gab es Luftangriffe. Israelische Soldaten mit M-16 Gewehren schossen scharf. Häuser wurden dem Erdboden gleich gemacht. Phosphorbomben fielen vom Himmel. Die Grenzen blieben geschlossen. Weit über Tausend Menschen starben im Gaza-Krieg - tausende wurden verletzt.

Ein großer Teil der Menschen im Gaza-Streifen lebt in Flüchtlingslagern. Viele bereits in zweiter oder dritter Generation. Vor 60 Jahren mussten sie Platz machen - Platz für den neuen jüdischen Staat - geflüchtet vor dem Krieg, vertrieben aus ihrer Heimat.

Vom Falafel Lokal aus blicke ich über die Straße. Auf der anderen Seite geht eine Gruppe junger Soldaten vorbei. Ihre Lederstiefel sind poliert. Über der Schulter tragen sie ihre Kampfgewehre. Ein schwarzes Monstrum, das auf den schmächtigen Schultern der Jungsoldaten noch monströser wirkt. Einer der Soldaten kommt im Laufschritte herüber. Er bestellt sich einen Falafel. Er scherzt mit dem palästinensischen Verkäufer. Von seiner Schulter baumelt das Gewehr.