Nazareth ist heute die größte arabische Stadt innerhalb Israels - ungefähr 65.500 Menschen leben hier, die Mehrheit ist muslimisch. Ein Drittel der Bevölkerung sind Christen.
Ich betrete ein altes arabisches Haus, das heute ein Restaurant beherbergt. Die Mauern sind aus dickem Stein. Es ist angenehm kühl. Wuchtige dunkle Holztische stehen im Raum verteilt. An den Wänden hängen Bilder mit christlichen Motiven. Die hoch gewölbte Decke erinnert an eine kleine Kirche. Aus den Lautsprechern erklingen gedämpft sakrale Gesänge. Ich besuche diesen Ort heute zum zweiten Mal. Die Atmosphäre gefällt mir. Vor allem gibt es hier aber eine Internetverbindung für meinen Laptop.
Als ich das Lokal betrete sitzen zwei junge Männer an einem Tisch in der Ecke. Sie begrüßen mich und bitten mich zu sich an ihren Tisch. Ich setze mich zu ihnen und bestelle bei der Bedienung ein Bier. Meine beiden ‚neuen Freunde’ wirken angetrunken. Sie sprechen nur sehr wenig Englisch. Einer trägt einen Gipsarm, mit dem er beim Sprechen wild gestikuliert. Als die Bedienung mit meinem Bier an den Tisch kommt beugt sie sich zu mir herunter.
Sie spricht leise, so dass die zwei Männer nicht mithören können. „Ich hätte es lieber, wenn Sie sich an einen anderen Tisch setzen“, sagt sie. Ich bleibe einen Moment sitzen und trinke einen Schluck von meinem Bier. Nach ein paar Minuten stehe ich auf und bitte die beiden Herren mich zu entschuldigen. Ich setze mich an einen Tisch vor der Bar. Als ich Platz nehme prosten mir die beiden aus ihrer Ecke heraus zu. Der Gipsarm winkt. Ich nicke den beiden zu, schalte meinen Computer ein und beginne zu schreiben.
„Wo ist mein Computer?“ frage ich die Bedienung. Ich schaue in die Ecke, in der eben noch die beiden Männer gesessen hatten. Sie sind verschwunden. Ich laufe aus dem Lokal. Ich renne die Straße herunter – erst in die eine, dann in die andere Richtung. Keine Spur von dem Gipsarm und seinem Freund. Keine Spur von meinem Computer.
Als ich in das Restaurant zurückkehre steht die gesamte Belegschaft in einer Gruppe zusammen. Alle reden wild durcheinander. Die Bedienung bietet an, mich zur Polizeistation zu begleiten. Wir machen uns auf den Weg. „Scheiße, Scheiße, Scheiße“, murmel ich vor mich hin. "Wie konnte ich nur so unvorsichtig sein? Den Laptop werde ich wahrscheinlich nie wieder sehen", denke ich. Der Computer war nagelneu, ich hatte ihn erst vor wenigen Wochen gekauft.
Auf dem Weg zur Polizeistation macht meine Begleitung eine Reihe von Anrufen. Als wir nach einem kurzen Fußmarsch in der Polizeistation ankommen, müssen wir zunächst in einem Warteraum Platz nehmen. Unruhig geht meine Begleitung auf und ab. Sie macht noch mehr Anrufe. „Ich habe einige Leute kontaktiert“, sagt sie schließlich. „Wenn die Polizei deinen Computer nicht findet, diese Leute finden ihn bestimmt.“ Sie senkt ihre Stimme. Leise fügt sie noch ein weiteres Wort hinzu: „Mafia“, flüstert sie verschwörerisch und fährt fort zu telefonieren.
Noch bevor wir von einem der Polizisten herein gebeten werden können, tritt ein Mann in den Warteraum. Er ist mittleren Alters und gut gekleidet. Er hält sein Telefon in der Hand. Auf seiner Stirn glitzern Schweißperlen. „Gott sei Dank“, sagt er als er eintritt, „Gott sei Dank habt ihr noch nicht mit der Polizei gesprochen.“ Meine Begeleitung ist sichtlich erleichtert ihn zu sehen. Mit festem Druck schüttelt er meine Hand und schiebt mich aus der Polizeistation. „Keine Sorge“, sagt er, „Wir finden deinen Computer." "Ich versichere Dir, Du wirst ihn noch heute Abend wieder in deinen Händen halten. Du hast mein Ehrenwort" sagt er mit tiefer Stimme.
Zu dritt machen wir uns auf den Weg zurück zum Restaurant. Auf dem Weg dorthin klingelt das Telefon des Herrn mit dem festen Händedruck. Ich erkenne die Melodie des Klingeltons sofort: Es ist die berühmte Titelmelodie des Mafiafilms ‚Der Pate’.
„Bestell was du möchtest“, sagt ‚der Pate’ als wir im Restaurant ankommen. „Geht auf’s Haus - das Restaurant gehört meinem Cousin.“ Wir setzen uns an den Tisch, an dem ich meinen Computer zum letzten Mal gesehen hatte. Ich bestelle etwas zu trinken. Aus den Lautsprechern erklingen die sakralen Gesänge. Mir ist als sei es in der Zwischenzeit noch ein wenig kühler geworden.
Vorsichtig frage ich meinen Gegenüber was er so mache, hier in Nazareth.
„Ich bin Fotograf“, antwortet er.
„Fotograf?“ frage ich erstaunt.
„Hochzeitsfotos“, sagt er. „Ich bin der beste Hochzeitsfotograf hier in Nazareth. Ich kenne jeden hier in dieser Stadt und jeder kennt mich. Ich habe sehr gute Beziehungen zu allen großen Familien.“
Während unserer Unterhaltung klingelt mehrmals sein Telefon. Der Klingelton ist ein anderer als zuvor. Erst nach zwei Stunden, vier Bier und einer herzlichen Unterhaltung, erklingt wieder die vertraute Melodie.
„Dein Laptop ist auf dem Weg“, sagt der Hochzeitsfotograf nachdem er aufgelegt hat und zwinkert mir zu.