Dienstag, 19. Mai 2009

°13 __Politik und Religion in Palästina

Haifa
„Ich bin Palästinenser und Kommunist“, sagt der junge Mann gegenüber. Er hebt sein Bierglas und prostet mir zu. Wir sitzen in einer Bar in der nordisraelischen Stadt Haifa. Die Wände der Bar sind rot gestrichen. An einer Wand hängen Poster mit Hinweisen auf kulturelle und politische Veranstaltungen. Die Bar ist gut gefüllt. Hier trifft man Haifas Intellektuelle. Na, ja zumindest die Menschen, die sich selber für Intellektuelle halten, erklärt mein Gegenüber lachend und nimmt einen mächtigen Schluck aus seinem Bierglas. Die Bars und Cafés in Haifas Masada-Straße sind der Treffpunkt für die linke Szene der Stadt. "Oder für das, was von der linken Szene übrig geblieben ist“, fügt mein Gesprächspartner hinzu. Das ganze politische Spektrum in Israel sei nach rechts gerückt, weit nach rechts.

Mein Gesprächspartner studiert an der Universität von Haifa. Neben dem Studium ist er politisch aktiv. Er engagiert sich in der Partei Abnaa el-Balad (Die Söhne des Landes). „Wir treten ein für einen demokratischen säkularen Staat für alle Bürger dieses Landes“, erklärt der junge Student. „Wir fordern das Ende der israelischen Besatzung, die Möglichkeit der Rückkehr für alle palästinensischen Flüchtlinge und das Ende eines per Definition jüdischen Israels.“ Seine Partei boykottiert die Israelischen Parlamentswahlen und tritt nur auf lokaler Ebene zu Wahlen an.

Die Mitglieder der Partei der „Söhne und Töchter des Landes“ sind zum größten Teil Palästinenser, die heute innerhalb der Grenzen Israels leben. Nach dem „Unabhängigkeitskrieg“ von 1948 waren sie, ihre Eltern, oder Großeltern auf dem israelischen Gebiet verblieben. Daher werden sie heute auch Palästinenser von 1948 genannt. Neben den Palästinensern sind in der Partei auch einige jüdische Staatsbürger Israels organisiert. Sie verstehen sich selbst als „jüdische Palästinenser“.

„Wie kann ich für einen Staat Israel eintreten, der per Definition jüdisch ist?“ Fragt mich der junge Aktivist. „Dieser Staat beschneidet mich in meinen sozialen und kulturellen Rechten. Ich kann beispielsweise nicht in meiner Muttersprache studieren. An der Schule musste ich zionistische Texte lesen, palästinensische Dichter waren Tabu. Die politische Aktivität meiner Partei wird vom israelischen Staat beschränkt. Ich bekomme Probleme, wenn ich eine palästinensische Fahne bei mir habe. " Sagt er. Und überhaupt, wie könne ein Staat per Definition gleichzeitig jüdisch und demokratisch sein? Das sei genauso unmöglich wie islamisch und demokratisch oder christlich und demokratisch. Erst recht, wenn es eine nicht-jüdische Minderheit im Land gebe, die 20 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmache.

Er möchte in einem säkularen, demokratischen Staat leben, erklärt er. Ein Staat mit dem er sich zumindest grundlegend identifizieren könne. Jeder der heute hier lebt und bleiben möchte, solle selbstverständlich bleiben dürfen. "Gleiche Rechte für alle." Vor allem dürfe der Staat aber keine religiöse oder ethnische Gruppe per Definition von der Staatsidentität ausschließen. Das Recht auf Rückkehr dürfe nicht für eine Gruppe gelten und für eine andere nicht. Das zentrale Problem sei die kolonialistische, zionistische Natur des Israelischen Staates, sagt er und bestellt eine neue Runde Bier.

Ehemaliger arabischer Beauty-Salon in Haifa

Jasuf
Nur drei Wochen nach meinen Gesprächen in Haifas „Intellektuellen-Zirkeln“ bin ich zu Besuch in einem kleinen palästinensischen Dorf namens Jasuf. Luftlinie liegen Haifa und Jasuf nicht weit voneinander entfernt. Zwischen den beiden Orten steht die israelischen Sperrmauer, welche das Westjordanland von Israel abschneidet. Doch nicht nur die Sperrmauer trennt diese zwei Orte voneinander.

Vier Tage lebe ich in Jasuf, teile das Haus mit einer palästinensischen Familie. Nach Auskunft meiner Gastgeber zählt Jasuf ganze 2.000 Einwohner. Das Herz der Gemeinschaft bildet die örtliche Moschee. Jeden Freitag treffen sich hier die Männer des Dorfes zum Gebet. Die Frauen bleiben zu Hause. „Es wäre unvorstellbar, für mich mit einer Frau alleine durch das Dorf zu gehen; es sei denn sie ist aus meiner Familie“, erklärt mir mein Gastgeber. Er ist Ende zwanzig und studiert in Ramallah. Er lebt in Jasuf mit seinen Eltern, seinen zwei Brüdern und seiner Schwester. „Die Religion ist hier wichtiger Bestandteil des täglichen Lebens, “ sagt er.

An den Abenden sitze ich mit ihm und seinen männlichen Freunden zusammen. Die Wasserpfeife macht die Runde. Alkohol ist absolutes Tabu. Ich erzähle, dass ich in Ramallah palästinensisches Bier probiert habe und dass es mir gut geschmeckt hat. „Es gibt palästinensisches Bier?“ fragen meine neuen Bekannten erstaunt. Das wussten sie gar nicht, ergänzen sie.

Gemeinsames Wasserpfeifenrauchen

Die abendlichen Unterhaltungen sind stets angeregt. Mein Gastgeber muss den Übersetzer spielen. Thema unserer Unterhaltungen ist meist die Religion. Man ist interessiert an meiner Weltsicht. Die jungen Männer unterhalten sich offen über alle Facetten der Religion. Tabus gibt es keine. Wir sprechen über Geschlechterrollen in verschiedenen Gesellschaften und den Einfluss von Tradition und Religion. Unsere Ansichten könnten in vielen Punkten wohl kaum weiter auseinander liegen. Als ich den Kampf von Schwulen und Lesben um Respekt und Anerkennung, mit dem Kampf der palästinensischen Minderheit in Israel vergleiche, erblicke ich allerdings eher verwirrte Gesichter um mich herum.

Der Islam sei eine Religion, die kritischen Diskurs fördere, erklärt man mir. Vor allem die Wissenschaften würden im Islam hoch geschätzt. Während die christliche Kirche Bücher wegschloss und Wissenschaftler hinrichten ließ, hätten muslimische Geistliche die Erkenntnisse der Wissenschaft stets hoch geschätzt. Die jungen Männer wissen gut bescheid über islamische Geschichte und sind stolz auf die Errungenschaften der arabischen Welt.

Der Großteil meiner neuen Freunde im Dorf sind Mitglieder der Fatah Partei. Die Fatah ist nach eigener Definition eine säkulare, nationalistische Partei. Religion sei für die Menschen in Jasuf zwar bestimmender Faktor der Identität, erklärt man mir. Trotzdem hätten islamistische Parteien wie die Hamas im Ort nur wenige Unterstützer. Zumindest öffentlich bekräftigt man stets die Unterstützung für die Fatah und den so genannten Friedensprozess mit Israel.

Das Dorf ist arm. Die Menschen leiden unter regelmäßigen Übergriffen von Siedlern, unter den israelischen Soldaten an den Checkpoints, unter der eingeschränkten Bewegungsfreiheit. Ein Ende des Konfliktes liegt hier im direkten alltäglichen Interesse der Menschen. Das Problem sei das mangelnde Interesse der Mächtigen an unseren Problemen, sagt mein Gastgeber. „Auf beiden Seiten.“

Jasuf - Am linken oberen Bildrand ist eine israelische Siedlung zu erkennen. Die israelischen Settlements liegen fast immer oben auf den Hügelspitzen.

Nablus

„Hast du schon seine Hand geschüttelt?“ Fragt der Professor seine Studentin als wir gemeinsam in einem Cafè beieinander sitzen. Sie schüttelt den Kopf. Das Händeschütteln zwischen Männern und Frauen gehört in Nablus nicht zur alltäglichen Begrüßungszeremonie.

Der Professor scherzt: Für mich müsse die Studentin wohl eine Ausnahme machen, schließlich sei ich Deutscher und die seien weithin bekannt für besonders leidenschaftliches und ausführliches Händeschütteln. Die Studentin lacht und schüttelt meine Hand. Sie trägt Kopftuch und einen langen Mantel - trotz sommerlicher Temperaturen. Neben ihr sitzt ihr zukünftiger Ehemann. Vor einem Monat haben sie zum ersten Mal miteinander gesprochen. Letzte Woche hat er um ihre Hand angehalten.

Der Professor unterrichtet islamische Geschichte an der Universität von Nablus. Nablus ist die bevölkerungsreichste Stadt im Norden des Westjordanlandes. Man sieht hier wesentlich mehr Frauen mit Kopftüchern als in Ramallah. Weder in Geschäften noch Cafès gibt es Alkohol zu kaufen. „In letzter Zeit bekommen traditionalistische islamische Gruppen hier mehr und mehr Zulauf. Die wollen mir doch tatsächlich erzählen, wie ich meine Vorlesungen zu halten habe“, sagt der Professor für islamische Geschichte merklich verärgert. Er spricht fließend deutsch. Vor Jahren hat er in Deutschland promoviert.

Nablus

Am Abend sitze ich mit dem Professor und seinen Freunden beisammen. Es gibt Unmengen an Essen. Auf dem Tisch stehen mehrere Flaschen mit hochprozentigem Alkohol. Regelmäßig trifft sich eine kleine Gruppe von Professoren zu solchen gemeinsamen Abendessen. Es wird diskutiert, gelacht, geraucht und reichlich getrunken. „Es gibt Menschen hier, denen solche Abende ein Dorn im Auge sind“, erzählt mir einer der Männer. „Deshalb hängen wir das auch nicht an die große Glocke.“

Es wird viel gescherzt an diesem Abend: „Warum hat Gott alle Propheten nur in dieses winzige Land geschickt? Und keinen einzigen beispielsweise nach Japan oder …Kanada?“ fragt einer. “Gott muss betrunken gewesen sein, “ scherzt ein anderer. „Darauf trinke ich!“ ruft ein weiterer.“ Einer der alten Herren ergreift eine Flasche Whisky und balanciert sie auf seinem Kopf. „Allah ist groß“, ruft er, während er mit der Flasche auf dem Kopf durch den Raum tanzt. Alle lachen.

Ein Jura-Professor erzählt mir, er sei gegen den bewaffneten palästinensischen Widerstand. Er sei gegen die Intifada. "Intifada, Widerstand", er könne das nicht mehr hören. Sein Hemd spannt sich über einen gewaltigen Bauch. Er sitzt weit zurückgelehnt in seinem Sessel. In der einen Hand hält er ein Glas Whisky, in der anderen eine Zigarette. Die Aufstände seien schlecht fürs Geschäft, sagt er. Langsam und genüsslich lässt er den Rauch seiner Zigarette aus seinem Mund entweichen.

Der Jura-Professor sei in erster Linie Geschäftsmann, erklärt mein Freund der Islam-Profesor. Viele palästinensischen Geschäftsmänner und Arbeitgeber seien gegen diesen ganzen "Revolutionsquatsch". Sie seien in erster Linie an guten Geschäftsbeziehungen mit Israel interessiert.

Zerrissene palästinensische Flagge

Haifa, Jasuf, Nablus - wer mit den Menschen in Palästina spricht, bekommt einen kleinen Eindruck von der Vielfalt palästinensischer Perspektiven. Sie könnten kaum verschiedener sein. Was sie vereint, ist der Traum von einem Leben ohne Besatzung.

Sonntag, 17. Mai 2009

°12 __Auf eine Wasserpfeife in Ramallah

Ich muss zugeben, in den letzten Wochen, gab es einen merklichen Mangel an neuen Blog Einträgen auf dieser Seite. Zu meiner Verteidigung sei an dieser Stelle Folgendes angemerkt: Man lässt mich nicht! Man hindert mich daran zu schreiben! Ich bin Opfer einer mir zuvor unbekannten, dafür aber umso effektiveren Form der Zensur! Heimtückisch und hinterlistig hindern mich lokale Stellen daran kritische Berichte zu verfassen.

Es sind zwei Instrumente mit denen man versucht mich zum Schweigen zu bringen: Die Kontaktfreudigkeit und Gastfreundschaft der Menschen hier in Palästina.

Beinahe täglich sehe ich mich mit folgender Situation konfrontiert: Kaum habe ich in einem Café Platz genommen, einen Kaffee bestellt, meinen Laptop geöffnet…, schon spricht mich jemand vom Nachbartisch aus an: „Entschuldigung, darf ich fragen, woher Du kommst? Wie heißt Du? Komm setz’ Dich doch zu uns. Willkommen in Palästina! Was treibt Dich hierher?“ So geht es eine ganze Weile weiter. Stets interessiert. Stets höflich. Oft dauert es nicht lange, bis mich mein jeweiliger Tischnachbar sogar zu sich nach Hause einlädt: „Ich möchte, dass Du meine Familie kennen lernst. Was machst du morgen Abend?“ Vor soviel Kontaktfreude muss selbst der ambitionierteste Schreiberling kapitulieren. Nach über zwei Wochen im Westjordanland habe ich es nun aber doch geschafft einige Sätze zu verfassen.

„Welcome to Palestine” Begrüßt mich der junge Mann an der Hotel Rezeption. Meine erste Station im Westjordanland ist die Stadt Ramallah, die inoffiziellen Hauptstadt des inoffiziellen Staates Palästina. Die Stadt hat inklusive umliegender Ortschaften gerade einmal 65.000 Einwohner und ist damit weit kleiner als andere palästinensische Städte wie Hebron oder Nablus. Trotzdem ist Ramallah das politische Herz Palästinas. Hier befindet sich der palästinensische Präsidentenpalast, internationale Organisationen haben hier ihre Büros. Im überschaubaren Stadtzentrum drängen sich Menschenmassen, welche den meisten Großstädten alle Ehre machen würden.

Ramallah liegt keine Autostunde von Jerusalem entfernt. Gäbe es nicht die monströse graue israelische Sperrmauer, die Jerusalem vom Westjordanland abschneidet und gäbe es nicht die israelischen Soldaten die den Zugang zur Stadt kontrollieren; man könnte meinen man käme in einen Vorort Jerusalems.

Am Tag nach meiner Ankunft in Ramallah sitze ich auf weich gepolsterten Kissen und nippe an einem Glas Tee. An den Nachbartischen blubbern Wasserpfeifen. Dichte Rauchschwaden ziehen durch den Raum. Das andere Ende des Raumes sehe ich nur verschwommen. Der Geruch von Apfeltabak liegt schwer in der Luft. Aus den Lautsprechern plärrt arabische Popmusik. Auf Fernsehbildschirmen flimmern die bunten Bilder eines Libanesischen Musiksenders. Ich sitze in einem Wasserpfeifen-Lokal im siebten Stock eines, in die Tage gekommenen, Einkaufszentrums.

Ich öffne meinen Laptop, beginne zu schreiben, blicke auf. „Entschuldigung!“ Ein junger Mann vom Nachbartisch spricht mich auf Englisch an. „Darf ich fragen, woher Sie kommen?“

Nur wenig später sitze ich mit ihm und seinen Freunden am Tisch. Ich schüttel’ Hände, blicke in freundliche Gesichter. Die vielen arabischen Namen kann ich mir kaum merken. Wir kommen ins Gespräch. Die Unterhaltung dauert eine ganze Weile. Freunde kommen und gehen.

Langsam lehrt sich das Lokal. Noch immer sitze ich mit dem jungen Mann am Tisch. Sein Name ist Bajes. Er ist Mitte 20. Während des Gesprächs wippt er nervös mit dem Bein. Er saugt an seiner Wasserpfeife. Inhaliert tief. Die Pausen zwischen den Zügen sind kurz. Er raucht viel. Mehrmals lässt er neue Kohle kommen.

„Ich bin Kameramann“, erzählt Bajes. Er arbeite hier in Ramallah, sagt er. Eigentlich lebe er aber in Amman, der Hauptstadt Jordaniens. Amman sei schön, fährt er fort. „Keine Besatzung“, fügt er nach einer kurzen Pause hinzu. Seine Frau sei gerade dort. Stolz zeigt er mir seinen Ehering. Die Hochzeit war vor einem Jahr. Es ist ein wuchtiger Ring. Während des Gespräches dreht er häufig daran. Er wippt mit dem Bein, nimmt einen tiefen Zug aus der Wasserpfeife. Das Wippen wird weniger. Als der Rauch in einer dichten Wolke aus seinem Mund und Nase steigt, muss er husten, tief und rasselnd.

Plötzlich bricht es aus ihm heraus: „Seit Sieben Monaten habe ich meine Frau nicht gesehen.“ Sein Englisch ist nicht sehr gut. Manchmal verwechselt er Worte und ihre Bedeutung. „Sieben Monate?“ frage ich ihn. „Meinst du vielleicht sieben Tage? Oder Wochen? Etwas unsicher lächele ich ihn an. „Monate!“, antwortet Bajes bestimmt „Sieben Monate!“ Erneut muss er husten.

Nervös spielt er an seinem Ring, wippt mit dem Bein. Setzt seine Brille ab. Setzt sie wieder auf. „Meine Frau hat einen jordanischen Pass“ erzählt er, „ich habe einen palästinensischen. Wegen meiner Arbeit muss ich pendeln zwischen Jordanien und Palästina. Vor sieben Monaten wollte ich, wie so oft, über die Grenze von Palästina nach Jordanien, zu meiner Frau. Normalerweise ist das kein Problem. Doch diesmal ließen die israelischen Soldaten mich nicht einreisen. Seit sieben Monaten sitze ich nun hier fest“, fährt Bajes fort. "Und sie sagen mir nicht warum.“

An der Grenze zwischen dem Westjordanland gibt es neben palästinensischen und jordanischen Grenzkontrollen auch israelische Soldaten die kontrollieren wer kommt und wer geht.

„Ich vermisse meine Frau“ sagt Bajes. Seine Stimme klingt traurig. Der Husten schüttelt ihn. „Du solltest weniger rauchen“ sage ich. Er schaut mich an und lächelt. „An guten Tagen rauche ich zwei oder drei Pfeifen“ antwortet er. „An schlechten zehn oder mehr. Seit einiger Zeit fällt es mir schwer mich zu konzentrieren. Ich vermisse meine Frau“, wiederholt er. Bajes unterdrückt ein Husten. Er dreht an seinem Ehering und winkt den Kellner heran. Der Kellner legt frische Kohle auf die Wasserpfeife. Bajes nimmt einen tiefen Zug.

Palästinensische Bekannte haben mir versichert, dass die Aus- und Einreise von und nach Jordanien zurzeit größtenteils problemlos verlaufe. Besonders die Ausreise sei eigentlich unproblematisch. Es gebe aber immer wieder Szenen von Willkür, sowohl am Grenzübergang, als auch an israelischen Checkpoints. Die Familienzusammenführung von Palästinensern mit unterschiedlichen Pässen, oder unterschiedlichen Aufenthaltsländern, sei allerdings ein generelles Problem.

Ein Bekannter erzählt mir von einem Freund, der zurzeit in den Vereinigten Staaten lebt und arbeitet. Seine Frau wohnt mit den gemeinsamen Kindern im Westjordanland. Er bekommt von den Israelis keinen langfristigen Aufenthaltstitel für die Palästinensischen Gebiete. Selbst eine Besuchserlaubnis wird ihm, nach mehrmaligen Ein- und Ausreisen, inzwischen verweigert. Nach Angaben der israelischen Menschenrechtsorganisation B'tselem verweigert Israel auf diese Weise zehntausenden Menschen die Familienzusammenführung innerhalb der palästinensischen Gebiete.

Video: 'Raed' der tanzende Verkehrspolizist von Ramallah

Montag, 4. Mai 2009

°11 __ Erinnerungskultur und historische Verantwortung

Dizengoff-Center, das Zentrum Tel-Avivs. An normalen Tagen schiebt sich hier der Tel-Aviver Stadtverkehr über die überfüllte Straßenkreuzung. Der Straßenlärm mischt sich mit den zahlreichen Autohupen und den Unterhaltungen der vielen Passanten.

An diesem Vormittag steht diese Kreuzung im Herzen Tel-Avivs für einige Minuten komplett still. Autos bleiben mitten auf der Kreuzung stehen. Die Menschen auf den Gehsteigen halten inne. Sie bewegen sich nicht mehr vom Fleck. Die Insassen der Fahrzeuge steigen aus und stehen neben den geöffneten Autotüren. Die Ampeln über ihren Köpfen wechseln von Rot zu Grün und wieder zurück. Keiner beachtet sie. Keiner bewegt sich. Keine Hupe tönt. Kein Wort wird gesprochen. Während der gespenstischen Szene erklingt minutenlang eine Sirene.

Auf diese Weise erinnern die Israelis einmal jährlich an die jüdischen Opfer des Holocausts. Für einige Minuten erklingen dann im ganzen Land die Warnsirenen. Die Menschen halten inne. In Innenstädten und auf Schnellstraßen kommt der komplette Verkehr zum Erliegen. Die Menschen treten neben ihre Fahrzeuge. In Fußgängerzonen und auf Gehwegen bleiben die Menschen stehen. Ladenbesitzer treten vor ihre Geschäfte.

So bald die Sirene verklingt endet die Szene wieder. Alles setzt sich wieder in Bewegung - als wäre nichts gewesen. Die Autofahrer steigen wieder in ihre Autos, drücken auf ihre Hupen. Die Passanten nehmen ihre Unterhaltungen wieder auf. Den Unbedarften erinnern solche Szenen an Ausschnitte eines Sience Fiction Films, in dem die Zeit für einen Moment stehen bleibt und alle Bewegungen einfrieren.

Wenige Tage nach diesen Eindrücken vom Erinnerungstag besuche ich Jerusalem. Nur eine kurze Busfahrt von Jerusalems betriebsamer Innenstadt entfernt liegt die Gedenkstätte Yad Vashem. Auch in Yad Vashem wird an das Grauen des Holocausts erinnert.

Yad Vashem ist ein beeindruckender und zugleich verstörender Ort. Ein Mahnmal der unvorstellbaren Schrecken des Holocausts. Die Ausstellung enthält ergreifende Videosequenzen, die unter die Haut gehen. Zeitzeugen kommen zu Wort: Sie erzählen von der Vertreibung, den Morden, der Entmenschlichung, der Vernichtung. Geschichten, die man nicht mehr los wird. Auch die Gedenkhalle für die ermordeten jüdischen Kinder produziert Gänsehaut. 1,5 Millionen Mal reflektieren Spiegel das Licht einer einzelnen Kerze. Jede Reflektion der Flamme steht für eines der ermordeten Kinder.

Das Herz des Yad-Vashem-Komplexes bildet ein klaustrophobischer Gang. Wände aus Beton neigen sich auf den Besucher herab. Hoch oben ist nur ein schmaler Streifen Tageslicht sichtbar. An seinem Ende öffnet sich der Gang schließlich zu einem ausladenden Balkon. Vor dem Besucher breiten sich die grünen Hügel Israels aus. Aus den dunklen Tiefen der Judenverfolgung tritt man hinaus und blickt in das licht-durchflutete, grüne, heilige Land.

Verlässt man Yad Vashem zu Fuß, so gelangt man zu einem schmalen Pfad. Der Pfad verbindet die Gedenkstätte mit dem Mount Herzl. Er führt durch die grünen Hügel Jerusalems vom „Holocaustland in das Heimatland“. Wichtige Israelische Staatsmänner und Soldaten des israelischen „Unabhängigkeitskrieges“ liegen hier begraben. Auf diese Weise verbindet der Pfad die Besiedlung Palästinas, die Gründung des Staates Israels und den israelischen Unabhängigkeitskrieg mit den jüdischen Opfern der Shoa. Offiziell heißt der Pfad daher „Verbindungspfad“ oder auch „Pfad der Auferstehung.“

Der Verbindungspfad ist, ebenso wie der Blick vom Balkon der Gedenkstätte, Teil einer Symbolik. Beide Installationen stellen symbolisch dar, was offiziell zum israelischen Selbstverständnis gehört. Der Staat Israel wird als jüdische Heimatstätte und Zufluchtsort präsentiert und darüber hinaus als bewaffnete Bastion gegen die Judenverfolgung. Symbolisch wird eine direkte Linie gezogen zwischen dem Leid der Shoa-Opfer und dem bewaffneten Kampf des modernen Staates Israels. Diese enge Verknüpfung macht im Umkehrschluss jede Kritik an Israel und aktueller israelischer Politik äußerst problematisch. Besonders fraglich wird dies vor allem beim Blick auf die so genannte israelische "Sicherheitspolitik".

Vor einem guten Jahr sprach die deutsche Bundeskanzlerin vor dem israelischen Parlament, der Knesset. Sie erklärte, dass sie und die Bundesrepublik Deutschland der „besonderen historischen Verantwortung Deutschlands für die Sicherheit Israels verpflichtet“ seien. Diese historische Verantwortung müsse als Teil der „Staatsräson“ Deutschlands verstanden werden. Ganz im Sinne der Yad Vashem Symbolik leitet die deutsche Bundesregierung aus der historischen Verantwortung Deutschlands eine Verantwortung und Unterstützung für den modernen Staat Israel ab. Diese historische Verantwortung wird aber nicht nur herangezogen, um das Existenzrecht Israels zu betonen, oder um die andauernde Wichitigkeit des Kampfes gegen den Antisemitismus zu unterstreichen; sie strahlt darüber hinaus auf die Rechtfertigung einer mehr als fragwürdigen israelischen "Sicherheitspolitik" ab.

So stellte sich Frau Merkel im Dezember letzten Jahres erneut und ausdrücklich an die Seite Israels. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Operation “ Gegossenes Blei “ gerade begonnen. Während israelische Soldaten in den Gaza Streifen einrückten und Raketen und Phosphorbomben auf die Bevölkerung nieder regneten, betonte unsere Bundeskanzlerin, dass die Verantwortung für diese Entwicklung „eindeutig und ausschließlich" bei der palästinensischen Hamas liege. Für Frau Merkel war der israelische Angriff ein reiner Akt der Selbstverteidigung.

Während des Gaza-Krieges starben über 1400 Menschen. Ein großer Teil waren Kinder und Frauen. Menschen auf beiden Seiten wurden getötet, verletzt, erlitten Traumata. Menschen litten und starben, vermeintlich für die „israelische Sicherheit“. Über 1400 Tote, über 5000 Verletzte, viele tausende zerstörte Häuser, eine zerstörte Infrastruktur und eine traumatisierte Bevölkerung: Dies ist der Preis für die vermeintliche "Sicherheitspolitik" Israels.

Der Gaza-Krieg ist dabei nur ein Beispiel für eine viel größere Problematik. Schaut man genauer hin, so stellt man fest, dass die vermeintliche „Sicherheitspolitik“ Israels auch als ständige Rechtfertigung dient, für die jahrzehntelange Besatzung der palästinensischen Gebiete, für das Netzwerk von Militärcheckpoints, für eine Grenzmauer die Menschen von ihrem Land abschneidet, für Ausgangssperren, für Massenverhaftungen, für so genannte „gezielte Tötungen“, für eingeschränkte Rechte der Palästinenser sowohl in den Palästinensischen Gebieten als auch innerhalb Israels…. Die Liste ist lang und an dieser Stelle noch lange nicht zu Ende. Höchst fraglich bleibt dabei vor allem, ob diese so genannten Sicherheitsmaßnahmen nicht in Wirklichkeit einer der Hauptgründe für Israels Unsicherheit sind.

Wir sollten uns fragen, ob der Pfad, der richtiger Weise bei der historischen Verantwortung Deutschlands seinen Anfangspunkt hat, tatsächlich zur Rechtfertigung solcher Maßnahmen führen darf. Wir sollten uns fragen, ob wir noch dem richtigen Pfad folgen, oder, ob wir vielleicht irgendwo falsch abgebogen sind.



Jerusalem - Al-Quds