Dizengoff-Center, das Zentrum Tel-Avivs. An normalen Tagen schiebt sich hier der Tel-Aviver Stadtverkehr über die überfüllte Straßenkreuzung. Der Straßenlärm mischt sich mit den zahlreichen Autohupen und den Unterhaltungen der vielen Passanten.An diesem Vormittag steht diese Kreuzung im Herzen Tel-Avivs für einige Minuten komplett still. Autos bleiben mitten auf der Kreuzung stehen. Die Menschen auf den Gehsteigen halten inne. Sie bewegen sich nicht mehr vom Fleck. Die Insassen der Fahrzeuge steigen aus und stehen neben den geöffneten Autotüren. Die Ampeln über ihren Köpfen wechseln von Rot zu Grün und wieder zurück. Keiner beachtet sie. Keiner bewegt sich. Keine Hupe tönt. Kein Wort wird gesprochen. Während der gespenstischen Szene erklingt minutenlang eine Sirene.
Auf diese Weise erinnern die Israelis einmal jährlich an die jüdischen Opfer des Holocausts. Für einige Minuten erklingen dann im ganzen Land die Warnsirenen. Die Menschen halten inne. In Innenstädten und auf Schnellstraßen kommt der komplette Verkehr zum Erliegen. Die Menschen treten neben ihre Fahrzeuge. In Fußgängerzonen und auf Gehwegen bleiben die Menschen stehen. Ladenbesitzer treten vor ihre Geschäfte.
So bald die Sirene verklingt endet die Szene wieder. Alles setzt sich wieder in Bewegung - als wäre nichts gewesen. Die Autofahrer steigen wieder in ihre Autos, drücken auf ihre Hupen. Die Passanten nehmen ihre Unterhaltungen wieder auf. Den Unbedarften erinnern solche Szenen an Ausschnitte eines Sience Fiction Films, in dem die Zeit für einen Moment stehen bleibt und alle Bewegungen einfrieren.
Wenige Tage nach diesen Eindrücken vom Erinnerungstag besuche ich Jerusalem. Nur eine kurze Busfahrt von Jerusalems betriebsamer Innenstadt entfernt liegt die Gedenkstätte Yad Vashem. Auch in Yad Vashem wird an das Grauen des Holocausts erinnert.
Yad Vashem ist ein beeindruckender und zugleich verstörender Ort. Ein Mahnmal der unvorstellbaren Schrecken des Holocausts. Die Ausstellung enthält ergreifende Videosequenzen, die unter die Haut gehen. Zeitzeugen kommen zu Wort: Sie erzählen von der Vertreibung, den Morden, der Entmenschlichung, der Vernichtung. Geschichten, die man nicht mehr los wird. Auch die Gedenkhalle für die ermordeten jüdischen Kinder produziert Gänsehaut. 1,5 Millionen Mal reflektieren Spiegel das Licht einer einzelnen Kerze. Jede Reflektion der Flamme steht für eines der ermordeten Kinder.
Das Herz des Yad-Vashem-Komplexes bildet ein klaustrophobischer Gang. Wände aus Beton neigen sich auf den Besucher herab. Hoch oben ist nur ein schmaler Streifen Tageslicht sichtbar. An seinem Ende öffnet sich der Gang schließlich zu einem ausladenden Balkon. Vor dem Besucher breiten sich die grünen Hügel Israels aus. Aus den dunklen Tiefen der Judenverfolgung tritt man hinaus und blickt in das licht-durchflutete, grüne, heilige Land.
Der Verbindungspfad ist, ebenso wie der Blick vom Balkon der Gedenkstätte, Teil einer Symbolik. Beide Installationen stellen symbolisch dar, was offiziell zum israelischen Selbstverständnis gehört. Der Staat Israel wird als jüdische Heimatstätte und Zufluchtsort präsentiert und darüber hinaus als bewaffnete Bastion gegen die Judenverfolgung. Symbolisch wird eine direkte Linie gezogen zwischen dem Leid der Shoa-Opfer und dem bewaffneten Kampf des modernen Staates Israels. Diese enge Verknüpfung macht im Umkehrschluss jede Kritik an Israel und aktueller israelischer Politik äußerst problematisch. Besonders fraglich wird dies vor allem beim Blick auf die so genannte israelische "Sicherheitspolitik".
So stellte sich Frau Merkel im Dezember letzten Jahres erneut und ausdrücklich an die Seite Israels. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Operation “ Gegossenes Blei “ gerade begonnen. Während israelische Soldaten in den Gaza Streifen einrückten und Raketen und Phosphorbomben auf die Bevölkerung nieder regneten, betonte unsere Bundeskanzlerin, dass die Verantwortung für diese Entwicklung „eindeutig und ausschließlich" bei der palästinensischen Hamas liege. Für Frau Merkel war der israelische Angriff ein reiner Akt der Selbstverteidigung.
Während des Gaza-Krieges starben über 1400 Menschen. Ein großer Teil waren Kinder und Frauen. Menschen auf beiden Seiten wurden getötet, verletzt, erlitten Traumata. Menschen litten und starben, vermeintlich für die „israelische Sicherheit“. Über 1400 Tote, über 5000 Verletzte, viele tausende zerstörte Häuser, eine zerstörte Infrastruktur und eine traumatisierte Bevölkerung: Dies ist der Preis für die vermeintliche "Sicherheitspolitik" Israels.
Der Gaza-Krieg ist dabei nur ein Beispiel für eine viel größere Problematik. Schaut man genauer hin, so stellt man fest, dass die vermeintliche „Sicherheitspolitik“ Israels auch als ständige Rechtfertigung dient, für die jahrzehntelange Besatzung der palästinensischen Gebiete, für das Netzwerk von Militärcheckpoints, für eine Grenzmauer die Menschen von ihrem Land abschneidet, für Ausgangssperren, für Massenverhaftungen, für so genannte „gezielte Tötungen“, für eingeschränkte Rechte der Palästinenser sowohl in den Palästinensischen Gebieten als auch innerhalb Israels…. Die Liste ist lang und an dieser Stelle noch lange nicht zu Ende. Höchst fraglich bleibt dabei vor allem, ob diese so genannten Sicherheitsmaßnahmen nicht in Wirklichkeit einer der Hauptgründe für Israels Unsicherheit sind.
Wir sollten uns fragen, ob der Pfad, der richtiger Weise bei der historischen Verantwortung Deutschlands seinen Anfangspunkt hat, tatsächlich zur Rechtfertigung solcher Maßnahmen führen darf. Wir sollten uns fragen, ob wir noch dem richtigen Pfad folgen, oder, ob wir vielleicht irgendwo falsch abgebogen sind.
Jerusalem - Al-Quds