
Nach ihrer Heimkehr schwärmen deutsche Touristen häufig und gerne von der Gastfreundschaft der Menschen des gerade bereisten Landes. Zuweilen können solche Schilderungen auch einen seltsamen Beigeschmack haben. Je erstaunter, überraschter und begeisterter der Heimkehrer von seinen Erlebnissen erzählt, desto mehr drängt sich die Frage auf, welches Bild er/sie wohl vor der Reise von der anderen Kultur und ihren Menschen hatte – und wie er oder sie über all die Dinge denkt, die nicht in den Bereich der "Gastfreundschaft" fallen.
Trotz dieser kritischen Einführung, fühle ich mich geradezu genötigt, an dieser Stelle über meine Erlebnisse mit der örtlichen Gastfreundschaft zu berichten.
Überrascht, erstaunt und begeistert muss ich hinzufügen: Es ist wohl eine ganz besondere und unerwartete Form der Gastfreundschaft, die mir in den letzten Tagen zu Teil wurde.
Wie bereits berichtet, verschlug mich meine Reise vor einigen Tagen in die kleine arabische Stadt Nazareth. In der Lobby eines Nazarether Gasthauses hatte ich auf einem der bunten Kissen Platz genommen, welche dort als Sitzgelegenheit dienten. Draußen hatte mich ein Schild herein gelockt, das freien Internetzugang versprach. Als ich mich gerade gesetzt hatte eilte ein junger Mann heran, um mir einen Tee zu bringen. Wir kamen ins Gespräch.
Eigentlich lebe er in England, erzählte er. Er arbeite dort als Friseur im Salon seines Cousins. Hier im Gasthaus helfe er nur aus. Da ich zufällig gerade auf der Suche nach einem Friseur war, fragte ich ihn, ob er mir nicht einen Salon in Nazareth empfehlen könne. Er überlegte kurz. „Unsinn“ sagte er dann. „ In einer Stunde habe ich hier Feierabend. Ich wohne nur fünf Minuten entfernt, komm doch einfach mit zu mir,“ Keine Stunde später saß ich in seinem Innenhof - einen Friseurkittel um die Schultern geschlungen. Tee und Haarschnitt waren selbstverständlich umsonst.
Wenige Tage später traf ich auf einer Feier einen syrischen Zahnarzt. Wir unterhielten uns. Als ich während der Unterhaltung einmal laut auflachte gefroren plötzlich seine Gesichtszüge.
„Halt!“ rief er.
Erschrocken hielt ich inne.
„Lächel noch einmal“, forderte er mich dann auf.
Vorsichtig lächelte ich ihn an.
Er
begutachtete ausführlich meine Schneidezähne.
Seit Schulzeiten sieht mein einer Schneidezahn etwas mitgenommen aus. Der Versuch ein Tennisnetz zu überspringen endete damals mit einer Bruchlandung auf meinen Frontzähnen. Seit Jahre nehme ich mir vor, an meinem Zahn etwas machen zu lassen. Zahnarztbesuche stehen auf meiner ohnehin viel zu langen To-Do-Liste allerdings nicht sehr weit oben.

„Daran müssen wir was machen“, sagte der junge Doktor. „Morgen kommst du in meiner Praxis vorbei und ich bringe das in Ordnung - selbstverständlich umsonst, Ehrensache!“ Zu diesem Zeitpunkt kannten wir uns gerade mal eine knappe halbe Stunde.
Leider hatte ich für den nächsten Tag bereits andere Pläne. Aber falls es mich noch mal in die Gegend verschlagen sollte, so werde ich seiner Praxis mit Sicherheit einen Besuch abstatten.
Fassen wir zusammen: Ich brauchte einen Haarschnitt und bekam eine Gratis-Friseur-Sitzung in einem sonnigen Innenhof. Meine Schneidezähne benötigen seit Jahren einen neuen Schliff und ein Zahnarzt den ich keine 30 Minuten kenne, bietet mir eine Gratis-Behandlung an.
Ich glaube morgen werde ich dem lokalen Geldinstitut mal einen Besuch abstatten um den Damen und Herren dort meinen Kontostand zu zeigen - mal schauen was sich da so machen lässt.