Neta ist Mitglied in einer kleinen Gruppe israelischer Schüler, die sich entschlossen haben den Militärdienst zu verweigern.
In Israel sind alle Staatsbürger dazu verpflichtet nach der Schule den Militärdienst zu leisten: Männer für drei Jahre - Frauen für zwei. Verweigerung ist nicht vorgesehen. Nur zwei Gruppen sind vom Militärdienst ausgenommen. Palästinenser, die in den heutigen Grenzen Israels leben und die ultra-religiösen Juden. Verweigerer, die nicht zu einer dieser beiden Gruppen gehören, müssen mit einer Gefängnisstrafe rechnen.
Neta erzählt, es gebe auch andere Wege den Militärdienst zu umgehen. Man müsse nicht verweigern. „Die meisten, die nicht zum Militär wollen lassen sich krankschreiben." Aus "psychologischen Gründen" werden sie dann vom Militärdienst freigesprochen." Wer „bei klarem Verstand“ ist und trotzdem verweigert lande im Gefängnis, erklärt sie. „Normalerweise geht man für ein paar Wochen ins Gefängnis. Dann wird man wieder entlassen, dann muss man wieder rein. Das geht immer so weiter, bis sie dich entweder laufen lassen, oder bis du dich offiziell für verrückt erklären lässt.“ Wenn man es darauf ankommen lässt, könne man bis zu zwei Jahre im Militärgefängnis sitzen. „Danach gibt es eine Gerichtsverhandlung. Am Ende kann das bis zu zehn Jahre im Gefängnis bedeuten.“
Neta hat sich bewusst für die Verweigerung und für einen Gefängnisaufenthalt entschieden. Sie wolle damit ein Zeichen setzen, erklärt sie. „Die Medien sind interessiert an Menschen die verweigern.“
Neta erzählt von ihrer Bewegung der jungen Verweigerer. „Shministim“ werden sie genannt, „die Zwölftklässler“. Die Zwölftklässler sind israelische Schüler, die sich ihrem letzten Schuljahr öffentlich gegen den Militärdienst stellen. “Wir verweigern aus politischen Gründen” erzählt mir Neta. Sie seien gegen die Besatzung der palästinensischen Gebiete und gegen die Militarisierung der israelischen Gesellschaft.
Netas Freundin ist ebenfalls Teil der Zwölftklässler. Sie erzählt, sie wolle anderen Menschen zeigen, dass es auch in Israel die Option gebe nicht zur Armee zu gehen. „Ich möchte meiner Familie und meinen Freunden zeigen, dass es nicht selbstverständlich ist zur Armee zu gehen und ich möchte der palästinensischen Seite zeigen, dass es Menschen gibt, welche die israelische Armee ablehnen.“
Es sei schwer gewesen sich gegen die Armee zu entscheiden, erzählen beide. „Es ist sehr schwer für meine Familie zu akzeptieren, dass ich nicht zum Militär gehe“, erzählt Neta. „Besonders für meine Eltern. Sie denken ich sei eine Schande für die Familie. Ich glaube meine Mutter wird es irgendwann verstehen.“ Neta stockt für einen Moment. „Ich weiß nicht, inwieweit ihr bewusst ist, dass ich tatsächlich ins Gefängnis gehen werde. Ich glaube, sie verdrängt es.“
Netas Freundin ergänzt: „Meine Familie weiß erst seit kurzem, dass ich verweigern werde. Beide, mein Vater und meine Mutter waren in Kampfeinheiten. Sie sind beide sehr patriotisch. Sie versuchen immer wieder mich davon zu überzeugen, dass ich gehen sollte. Sie sagen: Ich würde schon einen Job beim Militär finden, mit dem ich ein verstanden sei. Aber es gibt nichts beim Militär mit dem ich einverstanden bin.“
In der Schule bringen sie uns von klein auf bei, dass wir zur Armee gehen sollten, erzählen die beiden Mädchen. „Sie sagen uns das immer und immer wieder. Besonders während der zwölften Klasse. Wir besuchen Militärbasen. Es ist schwer überhaupt daran zu denken nicht zum Militär zu gehen. Es sitzt tief in unseren Köpfen.“ Netas Freundin sagt:„Überall wo man hinschaut stehen Soldaten. Es gibt Werbespots mit Soldaten. Jeder zweite Song der im Radio läuft handelt von der Armee oder vom Krieg oder etwas ähnlichem. Alles um uns herum hat einen Bezug zur Armee. Alles hier ist mit dem Militär verbunden.“
Netas Freundin erzählt von ihrer ersten Demonstration im Westjordanland. Sie war dort um an der Seite von Palästinensern zu demonstrieren, gegen die Sperrmauer, die das Westjordanland von Israel abschneidet. „Ein Soldat richtete seine Waffe gegen mich“, erzählt sie. „Er schoss in meine Richtung. Ich war schockiert. Es war sehr schwer für mich zu verstehen, dass ein israelischer Soldat so etwas tut. Er schoss auf Zivilisten. Und sie tun das ständig, die israelischen Soldaten. Normalerweise mit Tränengas und Gummigeschossen. Aber manchmal auch mit scharfer Munition.“ - „Das war wie ein Schlag ins Gesicht für mich. Danach beginnst du zu zweifeln.“
Nicht nur die Besatzung sei das Problem, erklären die Beiden. Wenn ein Land sich entscheide gewaltsam vorzugehen, dann durchziehe die Gewalt irgendwann alle Bereiche der Gesellschaft. Die Besatzung der palästinensischen Gebiete und die israelischen Kriege, der Libanonkrieg , der Gazakrieg, seien Teil des gleichen Problems. „Vor ein paar Monaten hatten wir die Möglichkeit uns gegen das Töten von über Tausend Zivilisten zu entscheiden. Aber weil wir Israel sind und weil Israel immer auf militärische Lösungen vertraut, haben wir uns anders entschieden und eine Menge Menschen getötet.“
Neta erzählt: „Ich glaube das Militär schadet sowohl den Juden als auch den Arabern.“ Es sei für jeden offensichtlich, dass es den Arabern schade, aber es schade auch der jüdischen Gesellschaft. „Die Besatzung und die schrecklichen Dinge die hier passieren sind der Grund warum einige Menschen sich entscheiden zu Terroristen zu werden.“ Sie überlegt einen Moment. Nach einer kurzen Pause fährt sie fort. „Ich weiß, dass ich verweigern muss. Nicht nur für mich, sondern für meine Freunde für meine Familie und für Jeden in diesem Land.“
Neta geht im Dezember ins Gefängnis ihre Freundin im September. Sie sind 17 und 18 Jahre alt.
Haifa