Sonntag, 5. April 2009

°6 __Sabbat

Von Freitagabend, kurz nach Sonnenuntergang, bis zum späten Samstagnachmittag hält das Leben in Israel für eine Weile inne. Am Freitagabend kommen die gläubigen jüdischen Familien zusammen um gemeinsam den Beginn des Sabbats zu feiern. In religiösen Stadtvierteln werden die Straßen gesperrt. Im größten Teil des Landes stehen die Busse still.

An diesem Freitagabend bin ich bei einer jüdischen Familie eingeladen, um das allwöchentliche Sabbat-Mahl mit ihnen zu teilen. „Jede Familie hat ihre eigene Art den Abend des Sabbat zu begehen“ erzählt mir einer der drei Söhne der Familie. „Je nach Herkunft und Familientraditionen variieren die Sabbat-Bräuche.“ Die Familie ist jemenitischen Ursprungs. Sie lebt in einer Siedlung außerhalb Tel-Avivs.

Im landestypischen halsbrecherischen Fahrstil werden wir zu ihrem Haus chauffiert. Wir sind spät dran. Das Sabbat-Mahl beginnt in der Regel eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang. Es ist bereits seit über einer Stunde dunkel als wir schließlich in der jüdischen Siedlung ankommen. Im Laufschritt legen wir die letzten Meter zum Haus zurück. Als ich gemeinsam mit einer deutschen Reisenden und dem ältesten Sohn der Familie eintrete, sitzt der Rest der Familie bereits am gedeckten Tisch. Mir wird eine jüdische Kopfbedeckung, die Kippa, gereicht, welche ich mir auf den Hinterkopf setze. Wir setzen uns. Der Vater rezitiert minutenlang Texte in altem Hebräisch. Nach einer Weile bricht er schließlich das Brot und reicht es weiter. Die Stimmung am Tisch ist entspannt. Während der Vater spricht wird gescherzt und gelacht. Ich fühle mich willkommen in der Runde.

Das Abendessen schmeckt hervorragend. Wir unterhalten uns eifrig während des Essens. Das Gespräch ist angenehm und ich habe das Gefühl, dass ich herzlich aufgenommen werde.

Die Familie ist eine Militärfamilie. Der Vater und alle drei Söhne haben bereits in mehreren israelischen Kriegen gekämpft. „Wir sind eine ganz normale israelische Familie“ erzählt mir einer der drei Söhne später. „Jeder in diesem Land war beim Militär. Jeder war in einem Krieg.“

Die Kommunikation mit den Eltern ist nicht ganz einfach. Sie sprechen kaum Englisch. Ich unterhalte mich mit den Söhnen. Die jüngere Generation in Israel spricht, zum großen Teil, fließend Englisch. Der jüngste der drei Brüder ist in meinem Alter. Er sei bereits seit Jahren beim Militär, erzählt er. Trotz seines jungen Alters ist er bereits ein Offizier in der Israelischen Armee. „Ungefähr einhundert Soldaten hören auf mein Kommando“, erzählt er mir, ohne Stolz, fast ein wenig schüchtern. Er ist ein ruhiger junger Mann mit einem offenen, interessierten Blick. Er hat eine angenehme, zurückhaltende Art und ein höfliches Lächeln.

Sein Einsatzgebiet ist das südliche Israel. Er war Teil der jüngsten israelischen Offensive im Gaza Streifen. Nur wenige Tage nach Beginn des Gaza-Krieges war er verwundet worden. Seitdem ist er beurlaubt. Während der Unterhaltung fragt er mehrmals nach, weil er etwas nicht verstanden hat. Er entschuldigt sich: Seit dem Krieg höre er auf einem Ohr etwas schlecht, sagt er. Bis vor einigen Tagen konnte er sich nur mit Gehhilfen fortbewegen.

Ich frage ihn, wie es zu der Verletzung kam. Er erzählt, dass er gemeinsam mit weiteren israelischen Soldaten Stellung in einem palästinensischen Haus bezogen hatte als sie beschossen wurden. Ein Geschoss explodierte in seiner unmittelbaren Nähe. Zwei seiner Kameraden starben bei der Attacke. Er wurde schwer verwundet.

Israelische Soldaten hatten auf das Haus gefeuert. Die „intelligenten“ israelischen Waffen, welche angeblich so gut zwischen Zivilisten und Kämpfern unterscheiden können, hatten die eigenen Leute getroffen. „Friendly Fire“ heißt dies beim Militär.

Nicht einmal zwei Monate zuvor traf ich in Berlin eine Palästinenserin aus dem Gaza Streifen. Sie erzählte mir vom Schrecken des Krieges. Beinahe tägliche verfolgte ich im Dezember und Januar die Berichterstattung über den Gaza-Krieg. Ich sah die Toten, die Verwundeten, die Phosphorbomben. Vor nur zwei Tagen berichteten viele internationale Medien schließlich über die Vergehen einiger israelischer Soldaten im Krieg; über die unverhältnismäßige Gewalt und über das Töten von Zivilisten.

Zum Abschied schüttele ich Hände. Ich blicke in die freundlichen Augen des jüngsten Sohnes. „Wir sind eine ganz normale israelische Familie“ hatte sein Bruder mir erklärt.“ „Jeder hier war beim Militär. Jeder war in einem Krieg.“

Nachtrag

Ich habe eine Weile überlegt, ob ich diesen Beitrag tatsächlich schreiben soll. Ich war bei einer Familie eingeladen. Sie haben mit mir ihr Essen geteilt und mich an ihren religiösen Feierlichkeiten teilhaben lassen. Ich habe ihnen nie ausdrücklich gesagt, dass ich über sie schreiben würde. Sie konnten zu meiner Darstellung auch keine Stellung beziehen. In keiner Weise wollte ich diese spezielle Familie direkt mit Kriegsverbrechen in Verbindung bringen.
Mein Ziel war es aber, einen Eindruck zu vermitteln, von den Gegensätzen, denen ich in diesem Land täglich begegne und vor allem von der allgegenwärtigen Militarisierung der Gesellschaft.

Der jüngste Sohn hat nur wenige Tage in Gaza gekämpft und war nur kurz am Kampfgeschehen beteiligt.


Blick von Jaffa nach Tel-Aviv