Es sind zwei Instrumente mit denen man versucht mich zum Schweigen zu bringen: Die Kontaktfreudigkeit und Gastfreundschaft der Menschen hier in Palästina.
Beinahe täglich sehe ich mich mit folgender Situation konfrontiert: Kaum habe ich in einem Café Platz genommen, einen Kaffee bestellt, meinen Laptop geöffnet…, schon spricht mich jemand vom Nachbartisch aus an: „Entschuldigung, darf ich fragen, woher Du kommst? Wie heißt Du? Komm setz’ Dich doch zu uns. Willkommen in Palästina! Was treibt Dich hierher?“ So geht es eine ganze Weile weiter. Stets interessiert. Stets höflich. Oft dauert es nicht lange, bis mich mein jeweiliger Tischnachbar sogar zu sich nach Hause einlädt: „Ich möchte, dass Du meine Familie kennen lernst. Was machst du morgen Abend?“ Vor soviel Kontaktfreude muss selbst der ambitionierteste Schreiberling kapitulieren. Nach über zwei Wochen im Westjordanland habe ich es nun aber doch geschafft einige Sätze zu verfassen.
„Welcome to Palestine” Begrüßt mich der junge Mann an der Hotel Rezeption. Meine erste Station im Westjordanland ist die Stadt Ramallah, die inoffiziellen Hauptstadt des inoffiziellen Staates Palästina. Die Stadt hat inklusive umliegender Ortschaften gerade einmal 65.000 Einwohner und ist damit weit kleiner als andere palästinensische Städte wie Hebron oder Nablus. Trotzdem ist Ramallah das politische Herz Palästinas. Hier befindet sich der palästinensische Präsidentenpalast, internationale Organisationen haben hier ihre Büros. Im überschaubaren Stadtzentrum drängen sich Menschenmassen, welche den meisten Großstädten alle Ehre machen würden.
Am Tag nach meiner Ankunft in Ramallah sitze ich auf weich gepolsterten Kissen und nippe an einem Glas Tee. An den Nachbartischen blubbern Wasserpfeifen. Dichte Rauchschwaden ziehen durch den Raum. Das andere Ende des Raumes sehe ich nur verschwommen. Der Geruch von Apfeltabak liegt schwer in der Luft. Aus den Lautsprechern plärrt arabische Popmusik. Auf Fernsehbildschirmen flimmern die bunten Bilder eines Libanesischen Musiksenders. Ich sitze in einem Wasserpfeifen-Lokal im siebten Stock eines, in die Tage gekommenen, Einkaufszentrums.
Ich öffne meinen Laptop, beginne zu schreiben, blicke auf. „Entschuldigung!“ Ein junger Mann vom Nachbartisch spricht mich auf Englisch an. „Darf ich fragen, woher Sie kommen?“
Nur wenig später sitze ich mit ihm und seinen Freunden am Tisch. Ich schüttel’ Hände, blicke in freundliche Gesichter. Die vielen arabischen Namen kann ich mir kaum merken. Wir kommen ins Gespräch. Die Unterhaltung dauert eine ganze Weile. Freunde kommen und gehen.
Langsam lehrt sich das Lokal. Noch immer sitze ich mit dem jungen Mann am Tisch. Sein Name ist Bajes. Er ist Mitte 20. Während des Gesprächs wippt er nervös mit dem Bein. Er saugt an seiner Wasserpfeife. Inhaliert tief. Die Pausen zwischen den Zügen sind kurz. Er raucht viel. Mehrmals lässt er neue Kohle kommen.
„Ich bin Kameramann“, erzählt Bajes. Er arbeite hier in Ramallah, sagt er. Eigentlich lebe er aber in Amman, der Hauptstadt Jordaniens. Amman sei schön, fährt er fort. „Keine Besatzung“, fügt er nach einer kurzen Pause hinzu. Seine Frau sei gerade dort. Stolz zeigt er mir seinen Ehering. Die Hochzeit war vor einem Jahr. Es ist ein wuchtiger Ring. Während des Gespräches dreht er häufig daran. Er wippt mit dem Bein, nimmt einen tiefen Zug aus der Wasserpfeife. Das Wippen wird weniger. Als der Rauch in einer dichten Wolke aus seinem Mund und Nase steigt, muss er husten, tief und rasselnd.
Plötzlich bricht es aus ihm heraus: „Seit Sieben Monaten habe ich meine Frau nicht gesehen.“ Sein Englisch ist nicht sehr gut. Manchmal verwechselt er Worte und ihre Bedeutung. „Sieben Monate?“ frage ich ihn. „Meinst du vielleicht sieben Tage? Oder Wochen? Etwas unsicher lächele ich ihn an. „Monate!“, antwortet Bajes bestimmt „Sieben Monate!“ Erneut muss er husten.
Nervös spielt er an seinem Ring, wippt mit dem Bein. Setzt seine Brille ab. Setzt sie wieder auf. „Meine Frau hat einen jordanischen Pass“ erzählt er, „ich habe einen palästinensischen. Wegen meiner Arbeit muss ich pendeln zwischen Jordanien und Palästina. Vor sieben Monaten wollte ich, wie so oft, über die Grenze von Palästina nach Jordanien, zu meiner Frau. Normalerweise ist das kein Problem. Doch diesmal ließen die israelischen Soldaten mich nicht einreisen. Seit sieben Monaten sitze ich nun hier fest“, fährt Bajes fort. "Und sie sagen mir nicht warum.“
An der Grenze zwischen dem Westjordanland gibt es neben palästinensischen und jordanischen Grenzkontrollen auch israelische Soldaten die kontrollieren wer kommt und wer geht.
„Ich vermisse meine Frau“ sagt Bajes. Seine Stimme klingt traurig. Der Husten schüttelt ihn. „Du solltest weniger rauchen“ sage ich. Er schaut mich an und lächelt. „An guten Tagen rauche ich zwei oder drei Pfeifen“ antwortet er. „An schlechten zehn oder mehr. Seit einiger Zeit fällt es mir schwer mich zu konzentrieren. Ich vermisse meine Frau“, wiederholt er. Bajes unterdrückt ein Husten. Er dreht an seinem Ehering und winkt den Kellner heran. Der Kellner legt frische Kohle auf die Wasserpfeife. Bajes nimmt einen tiefen Zug.
Palästinensische Bekannte haben mir versichert, dass die Aus- und Einreise von und nach Jordanien zurzeit größtenteils problemlos verlaufe. Besonders die Ausreise sei eigentlich unproblematisch. Es gebe aber immer wieder Szenen von Willkür, sowohl am Grenzübergang, als auch an israelischen Checkpoints. Die Familienzusammenführung von Palästinensern mit unterschiedlichen Pässen, oder unterschiedlichen Aufenthaltsländern, sei allerdings ein generelles Problem.
Ein Bekannter erzählt mir von einem Freund, der zurzeit in den Vereinigten Staaten lebt und arbeitet. Seine Frau wohnt mit den gemeinsamen Kindern im Westjordanland. Er bekommt von den Israelis keinen langfristigen Aufenthaltstitel für die Palästinensischen Gebiete. Selbst eine Besuchserlaubnis wird ihm, nach mehrmaligen Ein- und Ausreisen, inzwischen verweigert. Nach Angaben der israelischen Menschenrechtsorganisation B'tselem verweigert Israel auf diese Weise zehntausenden Menschen die Familienzusammenführung innerhalb der palästinensischen Gebiete.
Video: 'Raed' der tanzende Verkehrspolizist von Ramallah