
Seit einigen Tagen bin ich im Norden Israels unterwegs. Der größte Teil der Menschen hier ist arabischen Ursprungs. Die meisten dieser Menschen leben in arabischen Gemeinden, getrennt von der jüdischen Mehrheit im Land. Offiziell heißen sie ‚Arabische Bürger Israels’. Mein Gegenüber zuckt bei dieser Bezeichnung verächtlich mit den Schultern: „Ich bin Palästinenser“, sagt er stolz. „Palästinenser in Israel“, ergänzt er etwas leiser.
Die so genannten „Arabischen Bürger“ machen heute ungefähr zwanzig Prozent der Bevölkerung Israels aus. Die meisten von ihnen bezeichnen sich selbst zwar als Staatsbürger Israels, ihre Nationalität sei aber, so sagen sie, "ohne Frage palästinensisch", ihre Kultur arabisch. Traditionell und kulturell fühlen sie sich den arabischen Gesellschaften der Region zugehörig.
Am 14. Mai jährt sich der israelische Unabhängigkeitstag zum 61. Mal. Die Israelische Mehrheitsgesellschaft feiert diesen Tag (wegen des hebräischen Kalenders) in diesem Jahr bereits am 29. April. Gefeiert wird die ‚Unabhängigkeit’ Israels. Auch die Palästinenser und die „Arabischen Israelis“ erinnern jedes Jahr an die Ereignisse des Jahres 1948. Allerdings erinnern sie nicht an die „israelische Unabhängigkeit" sondern vielmehr an den, damit einhergehenden, palästinensischen Exodus. Sie nennen dieses Ereignis
Nakba – die Katastrophe.
Es wird geschätzt, dass vor dem Krieg von 1948 ungefähr 950,000 Palästinenser auf dem Gebiet des heutigen Israels lebten. Über 80 Prozent flüchteten während des Krieges oder wurden vertrieben. Weniger als 160.000 Palästinenser verblieben.
„Meine Familie kommt ursprünglich hier aus Nazareth“, erzählt mir ein älterer Herr. „Meine Muter verstarb hier im Ort. Sie hatte vier Schwestern.“ Eine von ihnen starb im Libanon, eine in Jordanien, eine in Syrien und die letzte in Dänemark. „Fünf Schwestern, fünf Länder“, sagt er und spreizt dabei die fünf Finger seiner linken Hand weit auseinander. Für die Familiengeschichte seines Vaters reichen die Finger an seiner Hand nicht aus.
Jeder Palästinenser in Israel kann eine ähnliche Geschichte erzählen. Fast alle haben Verwandte oder Bekannte, die heute noch in Flüchtlingslagern leben, teilweise bereits in der dritten und vierten Generation. Ihre Eltern oder Großeltern waren 1948 geflohen oder vertrieben worden. Die heutigen Flüchtlingslager befinden sich in den Palästinensischen Gebieten (Westjordanland und Gaza Streifen) sowie in den angrenzenden arabischen Staaten (Jordanien, Syrien und Libanon). Einige leben heute in Palästinensischen Städten wie Ramallah oder Gaza Stadt, andere leben in Europa oder anderswo in der Welt.
Die Anzahl von Menschen mit Palästinensischen Wurzeln wird weltweit auf über 10 Millionen geschätzt. Viele Menschen mit denen ich hier spreche, bestehen darauf, dass diese Menschen ein Recht haben zurückzukehren. Zurück in ihre Heimat. Zurück nach Palästina. Israel erkennt dieses Recht auf Rückkehr nicht an.
In Israel leben heute ungefähr 5,5 Millionen Juden. Wenn auch nur die Hälfte der Palästinensischen Diaspora zurückkehren würde, wäre dies das Ende der jüdischen Mehrheit in Israel - das Ende der zionistischen Idee.
... und ein Zahnarzt ohne PassIn einem Cafè in der nordisraelischen Küstenstadt Haifa zeigt mir ein junger Zahnarzt seinen israelischen Ausweis. In dem Feld in dem eigentlich seine Nationalität stehen sollte, klafft eine Lücke. „Ich habe nur diesen Ausweis, sagt er, „Einen Pass habe ich nicht, eine Nationalität auch nicht.“ Unter Geburtsort steht in seinem Ausweis ein Ort in den Golan Höhen.
"Meine Familie ist syrisch," erzklärt der Doktor. "Meine Großeltern sind gebürtige Syrer, meine Eltern sind gebürtige Syrer - heute haben wir alle keine Staatsbürgerschaft mehr."
Bis 1967 gehörten die Golan Höhen zu Syrien. Im Israelisch-Arabischen Krieg von 1967 besetzte Israel das strategisch wichtige Gebiet. Heute sehen viele Israelis die Golan-Höhen als einen Teil ihres Landes an. Sie kommen häufig her, um dem heißen Sommer zu entkommen und die Natur zu genießen - Golan ist ein beliebtes Ausflugsziel geworden. Auch die israelische Siedlerbewegung hat die Golan Höhen für sich entdeckt. Über 18.000 Siedler haben sich hier niedergelassen.
19.000 Syrer leben heute noch auf dem Gebiet der Golan Höhen. Auch diese Menschen werden zur arabischen Minderheit in Israel gezählt. Fast alle von ihnen lehnen es allerdings ab die israelische Staatsbürgerschaft anzunehmen. "Wer das tut, der gilt bei uns als Verräter", erzählt der junge Dokor. Wie allen anderen israelischen Bürgern ist es dauch der syrischen Bevölkerung der Golan Höhen verboten nach Syrien zu reisen. Israel und Syrien befinden sich offiziell im Krieg.
„Wir können eine Sondergenehmigung bekommen um in Syrien zu studieren“ erzählt mir der Zahnarzt. „Ich zum Beispiel habe in Damaskus studiert“, sagt er. Direkt nach dem Ende des Studiums musste er dann aber wieder zurück nach Israel. "Sonst hätte ich in Syrien bleiben müssen und hätte dann meine Eltern nicht mehr sehen können.“ Dafür ist es ihm von nun an unmöglich seinen alten Studienort Damaskus zu besuchen und seine Freunde und Familie dort zu sehen.
Jedes Jahr im Frühjahr gibt es an der Syrisch-Israelischen Grenze ein besonderes Spektakel, erzählt mir der junge Doktor. Es ist der syrische Muttertag. Auf der einen Seite stehen dann die Mütter, auf der anderen ihre Töchter und Söhne. Auf beiden Seiten wird die Syrische Nationalhymne gesungen. Es werden Liebesgrüße ausgetauscht.
An einem milden Abend sitze ich mit dem Zahnarzt und seinen Freunden beisammen. Wir trinken israelischen Rotwein, europäisches Bier und arabischen Anis-Schnaps. Die kleine Gruppe arbeitet zum großen Teil in den Medien: Junge arabische Journalisten, Film-Produzenten und Schauspieler. Der Doktor spielt auf der
Oud, der orientalischen Laute. Er singt traditionelle arabische Lieder. Die jungen Menschen lauschen andächtig. Wir sitzen in einer schönen, alten Wohnung in Haifa. In diesem Haus hat schon der bekannte palästinensische Dichter Mahmoud Darwish gelebt.
Von der Terrasse hat man einen wunderschönen Blick über die Bucht von Haifa. Haifa ist heute eine gemischte Stadt, hier leben Araber und Juden Seite an Seite. Offiziell wird Haifa als ein Beispiel für das friedliche Zusammenleben gepriesen. Wenn man aber mit den Leuten vor Ort spricht, spürt man die Spannungen.
Auch in Haifa wir bald die israelische Unabhängigkeit gefeiert. „Der Tag der Befreiung Haifas“ heißt dieser Tag in Israel. Für die arabischen Bürger der Stadt heißt dieser Tag: „Der Tag der Niederlage“. Die meisten arabischen Bewohner Haifas wurde an diesem Tag vertrieben. Die meisten konnten nie zurückkehren. Ihre Familien sind heute Teil der palästinensischen Diaspora.
Kaffee über den Dächern von Haifa

Die Gassen von Nazareth
