Mittwoch, 22. April 2009

°10 __ Gastfreundschaft

Nach ihrer Heimkehr schwärmen deutsche Touristen häufig und gerne von der Gastfreundschaft der Menschen des gerade bereisten Landes. Zuweilen können solche Schilderungen auch einen seltsamen Beigeschmack haben. Je erstaunter, überraschter und begeisterter der Heimkehrer von seinen Erlebnissen erzählt, desto mehr drängt sich die Frage auf, welches Bild er/sie wohl vor der Reise von der anderen Kultur und ihren Menschen hatte – und wie er oder sie über all die Dinge denkt, die nicht in den Bereich der "Gastfreundschaft" fallen.

Trotz dieser kritischen Einführung, fühle ich mich geradezu genötigt, an dieser Stelle über meine Erlebnisse mit der örtlichen Gastfreundschaft zu berichten.

Überrascht, erstaunt und begeistert muss ich hinzufügen: Es ist wohl eine ganz besondere und unerwartete Form der Gastfreundschaft, die mir in den letzten Tagen zu Teil wurde.

Wie bereits berichtet, verschlug mich meine Reise vor einigen Tagen in die kleine arabische Stadt Nazareth. In der Lobby eines Nazarether Gasthauses hatte ich auf einem der bunten Kissen Platz genommen, welche dort als Sitzgelegenheit dienten. Draußen hatte mich ein Schild herein gelockt, das freien Internetzugang versprach. Als ich mich gerade gesetzt hatte eilte ein junger Mann heran, um mir einen Tee zu bringen. Wir kamen ins Gespräch.

Eigentlich lebe er in England, erzählte er. Er arbeite dort als Friseur im Salon seines Cousins. Hier im Gasthaus helfe er nur aus. Da ich zufällig gerade auf der Suche nach einem Friseur war, fragte ich ihn, ob er mir nicht einen Salon in Nazareth empfehlen könne. Er überlegte kurz. „Unsinn“ sagte er dann. „ In einer Stunde habe ich hier Feierabend. Ich wohne nur fünf Minuten entfernt, komm doch einfach mit zu mir,“ Keine Stunde später saß ich in seinem Innenhof - einen Friseurkittel um die Schultern geschlungen. Tee und Haarschnitt waren selbstverständlich umsonst.

Wenige Tage später traf ich auf einer Feier einen syrischen Zahnarzt. Wir unterhielten uns. Als ich während der Unterhaltung einmal laut auflachte gefroren plötzlich seine Gesichtszüge.

„Halt!“ rief er.
Erschrocken hielt ich inne.
„Lächel noch einmal“, forderte er mich dann auf.
Vorsichtig lächelte ich ihn an.
Er begutachtete ausführlich meine Schneidezähne.

Seit Schulzeiten sieht mein einer Schneidezahn etwas mitgenommen aus. Der Versuch ein Tennisnetz zu überspringen endete damals mit einer Bruchlandung auf meinen Frontzähnen. Seit Jahre nehme ich mir vor, an meinem Zahn etwas machen zu lassen. Zahnarztbesuche stehen auf meiner ohnehin viel zu langen To-Do-Liste allerdings nicht sehr weit oben.

„Daran müssen wir was machen“, sagte der junge Doktor. „Morgen kommst du in meiner Praxis vorbei und ich bringe das in Ordnung - selbstverständlich umsonst, Ehrensache!“ Zu diesem Zeitpunkt kannten wir uns gerade mal eine knappe halbe Stunde.

Leider hatte ich für den nächsten Tag bereits andere Pläne. Aber falls es mich noch mal in die Gegend verschlagen sollte, so werde ich seiner Praxis mit Sicherheit einen Besuch abstatten.

Fassen wir zusammen: Ich brauchte einen Haarschnitt und bekam eine Gratis-Friseur-Sitzung in einem sonnigen Innenhof. Meine Schneidezähne benötigen seit Jahren einen neuen Schliff und ein Zahnarzt den ich keine 30 Minuten kenne, bietet mir eine Gratis-Behandlung an.

Ich glaube morgen werde ich dem lokalen Geldinstitut mal einen Besuch abstatten um den Damen und Herren dort meinen Kontostand zu zeigen - mal schauen was sich da so machen lässt.

Samstag, 18. April 2009

°9 __ Fünf Schwestern - Fünf Länder ...

Seit einigen Tagen bin ich im Norden Israels unterwegs. Der größte Teil der Menschen hier ist arabischen Ursprungs. Die meisten dieser Menschen leben in arabischen Gemeinden, getrennt von der jüdischen Mehrheit im Land. Offiziell heißen sie ‚Arabische Bürger Israels’. Mein Gegenüber zuckt bei dieser Bezeichnung verächtlich mit den Schultern: „Ich bin Palästinenser“, sagt er stolz. „Palästinenser in Israel“, ergänzt er etwas leiser.

Die so genannten „Arabischen Bürger“ machen heute ungefähr zwanzig Prozent der Bevölkerung Israels aus. Die meisten von ihnen bezeichnen sich selbst zwar als Staatsbürger Israels, ihre Nationalität sei aber, so sagen sie, "ohne Frage palästinensisch", ihre Kultur arabisch. Traditionell und kulturell fühlen sie sich den arabischen Gesellschaften der Region zugehörig.

Am 14. Mai jährt sich der israelische Unabhängigkeitstag zum 61. Mal. Die Israelische Mehrheitsgesellschaft feiert diesen Tag (wegen des hebräischen Kalenders) in diesem Jahr bereits am 29. April. Gefeiert wird die ‚Unabhängigkeit’ Israels. Auch die Palästinenser und die „Arabischen Israelis“ erinnern jedes Jahr an die Ereignisse des Jahres 1948. Allerdings erinnern sie nicht an die „israelische Unabhängigkeit" sondern vielmehr an den, damit einhergehenden, palästinensischen Exodus. Sie nennen dieses Ereignis Nakba – die Katastrophe.

Es wird geschätzt, dass vor dem Krieg von 1948 ungefähr 950,000 Palästinenser auf dem Gebiet des heutigen Israels lebten. Über 80 Prozent flüchteten während des Krieges oder wurden vertrieben. Weniger als 160.000 Palästinenser verblieben.

„Meine Familie kommt ursprünglich hier aus Nazareth“, erzählt mir ein älterer Herr. „Meine Muter verstarb hier im Ort. Sie hatte vier Schwestern.“ Eine von ihnen starb im Libanon, eine in Jordanien, eine in Syrien und die letzte in Dänemark. „Fünf Schwestern, fünf Länder“, sagt er und spreizt dabei die fünf Finger seiner linken Hand weit auseinander. Für die Familiengeschichte seines Vaters reichen die Finger an seiner Hand nicht aus.

Jeder Palästinenser in Israel kann eine ähnliche Geschichte erzählen. Fast alle haben Verwandte oder Bekannte, die heute noch in Flüchtlingslagern leben, teilweise bereits in der dritten und vierten Generation. Ihre Eltern oder Großeltern waren 1948 geflohen oder vertrieben worden. Die heutigen Flüchtlingslager befinden sich in den Palästinensischen Gebieten (Westjordanland und Gaza Streifen) sowie in den angrenzenden arabischen Staaten (Jordanien, Syrien und Libanon). Einige leben heute in Palästinensischen Städten wie Ramallah oder Gaza Stadt, andere leben in Europa oder anderswo in der Welt.

Die Anzahl von Menschen mit Palästinensischen Wurzeln wird weltweit auf über 10 Millionen geschätzt. Viele Menschen mit denen ich hier spreche, bestehen darauf, dass diese Menschen ein Recht haben zurückzukehren. Zurück in ihre Heimat. Zurück nach Palästina. Israel erkennt dieses Recht auf Rückkehr nicht an.

In Israel leben heute ungefähr 5,5 Millionen Juden. Wenn auch nur die Hälfte der Palästinensischen Diaspora zurückkehren würde, wäre dies das Ende der jüdischen Mehrheit in Israel - das Ende der zionistischen Idee.

... und ein Zahnarzt ohne Pass

In einem Cafè in der nordisraelischen Küstenstadt Haifa zeigt mir ein junger Zahnarzt seinen israelischen Ausweis. In dem Feld in dem eigentlich seine Nationalität stehen sollte, klafft eine Lücke. „Ich habe nur diesen Ausweis, sagt er, „Einen Pass habe ich nicht, eine Nationalität auch nicht.“ Unter Geburtsort steht in seinem Ausweis ein Ort in den Golan Höhen.

"Meine Familie ist syrisch," erzklärt der Doktor. "Meine Großeltern sind gebürtige Syrer, meine Eltern sind gebürtige Syrer - heute haben wir alle keine Staatsbürgerschaft mehr."

Bis 1967 gehörten die Golan Höhen zu Syrien. Im Israelisch-Arabischen Krieg von 1967 besetzte Israel das strategisch wichtige Gebiet. Heute sehen viele Israelis die Golan-Höhen als einen Teil ihres Landes an. Sie kommen häufig her, um dem heißen Sommer zu entkommen und die Natur zu genießen - Golan ist ein beliebtes Ausflugsziel geworden. Auch die israelische Siedlerbewegung hat die Golan Höhen für sich entdeckt. Über 18.000 Siedler haben sich hier niedergelassen.

19.000 Syrer leben heute noch auf dem Gebiet der Golan Höhen. Auch diese Menschen werden zur arabischen Minderheit in Israel gezählt. Fast alle von ihnen lehnen es allerdings ab die israelische Staatsbürgerschaft anzunehmen. "Wer das tut, der gilt bei uns als Verräter", erzählt der junge Dokor. Wie allen anderen israelischen Bürgern ist es dauch der syrischen Bevölkerung der Golan Höhen verboten nach Syrien zu reisen. Israel und Syrien befinden sich offiziell im Krieg.

„Wir können eine Sondergenehmigung bekommen um in Syrien zu studieren“ erzählt mir der Zahnarzt. „Ich zum Beispiel habe in Damaskus studiert“, sagt er. Direkt nach dem Ende des Studiums musste er dann aber wieder zurück nach Israel. "Sonst hätte ich in Syrien bleiben müssen und hätte dann meine Eltern nicht mehr sehen können.“ Dafür ist es ihm von nun an unmöglich seinen alten Studienort Damaskus zu besuchen und seine Freunde und Familie dort zu sehen.

Jedes Jahr im Frühjahr gibt es an der Syrisch-Israelischen Grenze ein besonderes Spektakel, erzählt mir der junge Doktor. Es ist der syrische Muttertag. Auf der einen Seite stehen dann die Mütter, auf der anderen ihre Töchter und Söhne. Auf beiden Seiten wird die Syrische Nationalhymne gesungen. Es werden Liebesgrüße ausgetauscht.

An einem milden Abend sitze ich mit dem Zahnarzt und seinen Freunden beisammen. Wir trinken israelischen Rotwein, europäisches Bier und arabischen Anis-Schnaps. Die kleine Gruppe arbeitet zum großen Teil in den Medien: Junge arabische Journalisten, Film-Produzenten und Schauspieler. Der Doktor spielt auf der Oud, der orientalischen Laute. Er singt traditionelle arabische Lieder. Die jungen Menschen lauschen andächtig. Wir sitzen in einer schönen, alten Wohnung in Haifa. In diesem Haus hat schon der bekannte palästinensische Dichter Mahmoud Darwish gelebt.

Von der Terrasse hat man einen wunderschönen Blick über die Bucht von Haifa. Haifa ist heute eine gemischte Stadt, hier leben Araber und Juden Seite an Seite. Offiziell wird Haifa als ein Beispiel für das friedliche Zusammenleben gepriesen. Wenn man aber mit den Leuten vor Ort spricht, spürt man die Spannungen.

Auch in Haifa wir bald die israelische Unabhängigkeit gefeiert. „Der Tag der Befreiung Haifas“ heißt dieser Tag in Israel. Für die arabischen Bürger der Stadt heißt dieser Tag: „Der Tag der Niederlage“. Die meisten arabischen Bewohner Haifas wurde an diesem Tag vertrieben. Die meisten konnten nie zurückkehren. Ihre Familien sind heute Teil der palästinensischen Diaspora.

Kaffee über den Dächern von Haifa

Die Gassen von Nazareth

Samstag, 11. April 2009

°8 __ Der Pate von Nazareth

Das heutige Nazareth hat nur wenig mit meiner Vorstellung aus dem Konfirmationsunterricht zu tun. Nazareth heute, ist ein buntes Treiben aus Menschen, kleinen Schmuckläden, farbenfrohen Tüchern, kleinen Falafel-Läden und Autos, immer wieder Autos. Nazareths Altstadt besteht aus einem Gewirr enger Gassen voller kleiner Geschäfte. Durch die teilweise überdachten Gassen der Innenstadt scheint stets der Geruch von frisch gebrühtem arabischen Kaffee zu ziehen.

Aus der Altstadt heraus führen steile Straßen in die angrenzenden Wohngebiete hinauf oder herab. Die Straßen sind dicht beparkt. Stoßstange an Stoßstange reihen sich die Autos. Der eine oder andere Außenspiegel musste in den engen Straßen sicher schon dran glauben. „Aus Nazareth kommen die besten Autofahrer der Welt“, versichert mir ein Bekannter, während er sein Auto einhändig durch die engen Straßen manövriert. Er hat in Nazareth laufen und fahren gelernt. Beim zurücksetzen streift er mit dem Außenspiegel eine Mauer. „Das passiert mir zum ersten mal“, versichert er mir.

Nazareth ist heute die größte arabische Stadt innerhalb Israels - ungefähr 65.500 Menschen leben hier, die Mehrheit ist muslimisch. Ein Drittel der Bevölkerung sind Christen.

Ich betrete ein altes arabisches Haus, das heute ein Restaurant beherbergt. Die Mauern sind aus dickem Stein. Es ist angenehm kühl. Wuchtige dunkle Holztische stehen im Raum verteilt. An den Wänden hängen Bilder mit christlichen Motiven. Die hoch gewölbte Decke erinnert an eine kleine Kirche. Aus den Lautsprechern erklingen gedämpft sakrale Gesänge. Ich besuche diesen Ort heute zum zweiten Mal. Die Atmosphäre gefällt mir. Vor allem gibt es hier aber eine Internetverbindung für meinen Laptop.

Als ich das Lokal betrete sitzen zwei junge Männer an einem Tisch in der Ecke. Sie begrüßen mich und bitten mich zu sich an ihren Tisch. Ich setze mich zu ihnen und bestelle bei der Bedienung ein Bier. Meine beiden ‚neuen Freunde’ wirken angetrunken. Sie sprechen nur sehr wenig Englisch. Einer trägt einen Gipsarm, mit dem er beim Sprechen wild gestikuliert. Als die Bedienung mit meinem Bier an den Tisch kommt beugt sie sich zu mir herunter.

Sie spricht leise, so dass die zwei Männer nicht mithören können. „Ich hätte es lieber, wenn Sie sich an einen anderen Tisch setzen“, sagt sie. Ich bleibe einen Moment sitzen und trinke einen Schluck von meinem Bier. Nach ein paar Minuten stehe ich auf und bitte die beiden Herren mich zu entschuldigen. Ich setze mich an einen Tisch vor der Bar. Als ich Platz nehme prosten mir die beiden aus ihrer Ecke heraus zu. Der Gipsarm winkt. Ich nicke den beiden zu, schalte meinen Computer ein und beginne zu schreiben.

Nach einer Weile stehe ich auf, um zur Toilette zu gehen. Meinen Laptop lasse ich in Sichtweite der Bedienung auf dem Tisch stehen. Als ich nach kurzer Zeit zu meinem Tisch zurückkehre bemerke ich sofort, dass mein Laptop nicht mehr auf dem Tisch steht.

„Wo ist mein Computer?“ frage ich die Bedienung. Ich schaue in die Ecke, in der eben noch die beiden Männer gesessen hatten. Sie sind verschwunden. Ich laufe aus dem Lokal. Ich renne die Straße herunter – erst in die eine, dann in die andere Richtung. Keine Spur von dem Gipsarm und seinem Freund. Keine Spur von meinem Computer.

Als ich in das Restaurant zurückkehre steht die gesamte Belegschaft in einer Gruppe zusammen. Alle reden wild durcheinander. Die Bedienung bietet an, mich zur Polizeistation zu begleiten. Wir machen uns auf den Weg. „Scheiße, Scheiße, Scheiße“, murmel ich vor mich hin. "Wie konnte ich nur so unvorsichtig sein? Den Laptop werde ich wahrscheinlich nie wieder sehen", denke ich. Der Computer war nagelneu, ich hatte ihn erst vor wenigen Wochen gekauft.

Auf dem Weg zur Polizeistation macht meine Begleitung eine Reihe von Anrufen. Als wir nach einem kurzen Fußmarsch in der Polizeistation ankommen, müssen wir zunächst in einem Warteraum Platz nehmen. Unruhig geht meine Begleitung auf und ab. Sie macht noch mehr Anrufe. „Ich habe einige Leute kontaktiert“, sagt sie schließlich. „Wenn die Polizei deinen Computer nicht findet, diese Leute finden ihn bestimmt.“ Sie senkt ihre Stimme. Leise fügt sie noch ein weiteres Wort hinzu: „Mafia“, flüstert sie verschwörerisch und fährt fort zu telefonieren.

Noch bevor wir von einem der Polizisten herein gebeten werden können, tritt ein Mann in den Warteraum. Er ist mittleren Alters und gut gekleidet. Er hält sein Telefon in der Hand. Auf seiner Stirn glitzern Schweißperlen. „Gott sei Dank“, sagt er als er eintritt, „Gott sei Dank habt ihr noch nicht mit der Polizei gesprochen.“ Meine Begeleitung ist sichtlich erleichtert ihn zu sehen. Mit festem Druck schüttelt er meine Hand und schiebt mich aus der Polizeistation. „Keine Sorge“, sagt er, „Wir finden deinen Computer." "Ich versichere Dir, Du wirst ihn noch heute Abend wieder in deinen Händen halten. Du hast mein Ehrenwort" sagt er mit tiefer Stimme.

Zu dritt machen wir uns auf den Weg zurück zum Restaurant. Auf dem Weg dorthin klingelt das Telefon des Herrn mit dem festen Händedruck. Ich erkenne die Melodie des Klingeltons sofort: Es ist die berühmte Titelmelodie des Mafiafilms ‚Der Pate’.

„Bestell was du möchtest“, sagt ‚der Pate’ als wir im Restaurant ankommen. „Geht auf’s Haus - das Restaurant gehört meinem Cousin.“ Wir setzen uns an den Tisch, an dem ich meinen Computer zum letzten Mal gesehen hatte. Ich bestelle etwas zu trinken. Aus den Lautsprechern erklingen die sakralen Gesänge. Mir ist als sei es in der Zwischenzeit noch ein wenig kühler geworden.

Vorsichtig frage ich meinen Gegenüber was er so mache, hier in Nazareth.
„Ich bin Fotograf“, antwortet er.
„Fotograf?“ frage ich erstaunt.
„Hochzeitsfotos“, sagt er. „Ich bin der beste Hochzeitsfotograf hier in Nazareth. Ich kenne jeden hier in dieser Stadt und jeder kennt mich. Ich habe sehr gute Beziehungen zu allen großen Familien.“

Während unserer Unterhaltung klingelt mehrmals sein Telefon. Der Klingelton ist ein anderer als zuvor. Erst nach zwei Stunden, vier Bier und einer herzlichen Unterhaltung, erklingt wieder die vertraute Melodie.

„Dein Laptop ist auf dem Weg“, sagt der Hochzeitsfotograf nachdem er aufgelegt hat und zwinkert mir zu.

Donnerstag, 9. April 2009

°7 __Von der Schule ins Gefängnis

„Ende des Jahres werde ich ins Gefängnis gehen“, erzählt mir eine junge Israelin, ohne mit der Wimper zu zucken. Ihr Name ist Neta. Ich treffe sie in einem Café in der nordisraelischen Stadt Haifa. Sie möchte mir von ihrem Kampf erzählen, ihrem Kampf mit der israelischen Gesellschaft. Neta ist gerade mal 17 Jahre alt. In diesem Jahr macht sie ihren Schulabschluss.

Neta ist Mitglied in einer kleinen Gruppe israelischer Schüler, die sich entschlossen haben den Militärdienst zu verweigern.

In Israel sind alle Staatsbürger dazu verpflichtet nach der Schule den Militärdienst zu leisten: Männer für drei Jahre - Frauen für zwei. Verweigerung ist nicht vorgesehen. Nur zwei Gruppen sind vom Militärdienst ausgenommen. Palästinenser, die in den heutigen Grenzen Israels leben und die ultra-religiösen Juden. Verweigerer, die nicht zu einer dieser beiden Gruppen gehören, müssen mit einer Gefängnisstrafe rechnen.

Neta erzählt, es gebe auch andere Wege den Militärdienst zu umgehen. Man müsse nicht verweigern. „Die meisten, die nicht zum Militär wollen lassen sich krankschreiben." Aus "psychologischen Gründen" werden sie dann vom Militärdienst freigesprochen." Wer „bei klarem Verstand“ ist und trotzdem verweigert lande im Gefängnis, erklärt sie. „Normalerweise geht man für ein paar Wochen ins Gefängnis. Dann wird man wieder entlassen, dann muss man wieder rein. Das geht immer so weiter, bis sie dich entweder laufen lassen, oder bis du dich offiziell für verrückt erklären lässt.“ Wenn man es darauf ankommen lässt, könne man bis zu zwei Jahre im Militärgefängnis sitzen. „Danach gibt es eine Gerichtsverhandlung. Am Ende kann das bis zu zehn Jahre im Gefängnis bedeuten.“

Neta hat sich bewusst für die Verweigerung und für einen Gefängnisaufenthalt entschieden. Sie wolle damit ein Zeichen setzen, erklärt sie. „Die Medien sind interessiert an Menschen die verweigern.“

Neta erzählt von ihrer Bewegung der jungen Verweigerer. „Shministim“ werden sie genannt, „die Zwölftklässler“. Die Zwölftklässler sind israelische Schüler, die sich ihrem letzten Schuljahr öffentlich gegen den Militärdienst stellen. “Wir verweigern aus politischen Gründen” erzählt mir Neta. Sie seien gegen die Besatzung der palästinensischen Gebiete und gegen die Militarisierung der israelischen Gesellschaft.

Netas Freundin ist ebenfalls Teil der Zwölftklässler. Sie erzählt, sie wolle anderen Menschen zeigen, dass es auch in Israel die Option gebe nicht zur Armee zu gehen. „Ich möchte meiner Familie und meinen Freunden zeigen, dass es nicht selbstverständlich ist zur Armee zu gehen und ich möchte der palästinensischen Seite zeigen, dass es Menschen gibt, welche die israelische Armee ablehnen.“

Es sei schwer gewesen sich gegen die Armee zu entscheiden, erzählen beide. „Es ist sehr schwer für meine Familie zu akzeptieren, dass ich nicht zum Militär gehe“, erzählt Neta. „Besonders für meine Eltern. Sie denken ich sei eine Schande für die Familie. Ich glaube meine Mutter wird es irgendwann verstehen.“ Neta stockt für einen Moment. „Ich weiß nicht, inwieweit ihr bewusst ist, dass ich tatsächlich ins Gefängnis gehen werde. Ich glaube, sie verdrängt es.“

Netas Freundin ergänzt: „Meine Familie weiß erst seit kurzem, dass ich verweigern werde. Beide, mein Vater und meine Mutter waren in Kampfeinheiten. Sie sind beide sehr patriotisch. Sie versuchen immer wieder mich davon zu überzeugen, dass ich gehen sollte. Sie sagen: Ich würde schon einen Job beim Militär finden, mit dem ich ein verstanden sei. Aber es gibt nichts beim Militär mit dem ich einverstanden bin.“

In der Schule bringen sie uns von klein auf bei, dass wir zur Armee gehen sollten, erzählen die beiden Mädchen. „Sie sagen uns das immer und immer wieder. Besonders während der zwölften Klasse. Wir besuchen Militärbasen. Es ist schwer überhaupt daran zu denken nicht zum Militär zu gehen. Es sitzt tief in unseren Köpfen.“ Netas Freundin sagt:„Überall wo man hinschaut stehen Soldaten. Es gibt Werbespots mit Soldaten. Jeder zweite Song der im Radio läuft handelt von der Armee oder vom Krieg oder etwas ähnlichem. Alles um uns herum hat einen Bezug zur Armee. Alles hier ist mit dem Militär verbunden.“

Netas Freundin erzählt von ihrer ersten Demonstration im Westjordanland. Sie war dort um an der Seite von Palästinensern zu demonstrieren, gegen die Sperrmauer, die das Westjordanland von Israel abschneidet. „Ein Soldat richtete seine Waffe gegen mich“, erzählt sie. „Er schoss in meine Richtung. Ich war schockiert. Es war sehr schwer für mich zu verstehen, dass ein israelischer Soldat so etwas tut. Er schoss auf Zivilisten. Und sie tun das ständig, die israelischen Soldaten. Normalerweise mit Tränengas und Gummigeschossen. Aber manchmal auch mit scharfer Munition.“ - „Das war wie ein Schlag ins Gesicht für mich. Danach beginnst du zu zweifeln.“

Nicht nur die Besatzung sei das Problem, erklären die Beiden. Wenn ein Land sich entscheide gewaltsam vorzugehen, dann durchziehe die Gewalt irgendwann alle Bereiche der Gesellschaft. Die Besatzung der palästinensischen Gebiete und die israelischen Kriege, der Libanonkrieg , der Gazakrieg, seien Teil des gleichen Problems. „Vor ein paar Monaten hatten wir die Möglichkeit uns gegen das Töten von über Tausend Zivilisten zu entscheiden. Aber weil wir Israel sind und weil Israel immer auf militärische Lösungen vertraut, haben wir uns anders entschieden und eine Menge Menschen getötet.“

Neta erzählt: „Ich glaube das Militär schadet sowohl den Juden als auch den Arabern.“ Es sei für jeden offensichtlich, dass es den Arabern schade, aber es schade auch der jüdischen Gesellschaft. „Die Besatzung und die schrecklichen Dinge die hier passieren sind der Grund warum einige Menschen sich entscheiden zu Terroristen zu werden.“ Sie überlegt einen Moment. Nach einer kurzen Pause fährt sie fort. „Ich weiß, dass ich verweigern muss. Nicht nur für mich, sondern für meine Freunde für meine Familie und für Jeden in diesem Land.“

Neta geht im Dezember ins Gefängnis ihre Freundin im September. Sie sind 17 und 18 Jahre alt.

Haifa


Sonntag, 5. April 2009

°6 __Sabbat

Von Freitagabend, kurz nach Sonnenuntergang, bis zum späten Samstagnachmittag hält das Leben in Israel für eine Weile inne. Am Freitagabend kommen die gläubigen jüdischen Familien zusammen um gemeinsam den Beginn des Sabbats zu feiern. In religiösen Stadtvierteln werden die Straßen gesperrt. Im größten Teil des Landes stehen die Busse still.

An diesem Freitagabend bin ich bei einer jüdischen Familie eingeladen, um das allwöchentliche Sabbat-Mahl mit ihnen zu teilen. „Jede Familie hat ihre eigene Art den Abend des Sabbat zu begehen“ erzählt mir einer der drei Söhne der Familie. „Je nach Herkunft und Familientraditionen variieren die Sabbat-Bräuche.“ Die Familie ist jemenitischen Ursprungs. Sie lebt in einer Siedlung außerhalb Tel-Avivs.

Im landestypischen halsbrecherischen Fahrstil werden wir zu ihrem Haus chauffiert. Wir sind spät dran. Das Sabbat-Mahl beginnt in der Regel eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang. Es ist bereits seit über einer Stunde dunkel als wir schließlich in der jüdischen Siedlung ankommen. Im Laufschritt legen wir die letzten Meter zum Haus zurück. Als ich gemeinsam mit einer deutschen Reisenden und dem ältesten Sohn der Familie eintrete, sitzt der Rest der Familie bereits am gedeckten Tisch. Mir wird eine jüdische Kopfbedeckung, die Kippa, gereicht, welche ich mir auf den Hinterkopf setze. Wir setzen uns. Der Vater rezitiert minutenlang Texte in altem Hebräisch. Nach einer Weile bricht er schließlich das Brot und reicht es weiter. Die Stimmung am Tisch ist entspannt. Während der Vater spricht wird gescherzt und gelacht. Ich fühle mich willkommen in der Runde.

Das Abendessen schmeckt hervorragend. Wir unterhalten uns eifrig während des Essens. Das Gespräch ist angenehm und ich habe das Gefühl, dass ich herzlich aufgenommen werde.

Die Familie ist eine Militärfamilie. Der Vater und alle drei Söhne haben bereits in mehreren israelischen Kriegen gekämpft. „Wir sind eine ganz normale israelische Familie“ erzählt mir einer der drei Söhne später. „Jeder in diesem Land war beim Militär. Jeder war in einem Krieg.“

Die Kommunikation mit den Eltern ist nicht ganz einfach. Sie sprechen kaum Englisch. Ich unterhalte mich mit den Söhnen. Die jüngere Generation in Israel spricht, zum großen Teil, fließend Englisch. Der jüngste der drei Brüder ist in meinem Alter. Er sei bereits seit Jahren beim Militär, erzählt er. Trotz seines jungen Alters ist er bereits ein Offizier in der Israelischen Armee. „Ungefähr einhundert Soldaten hören auf mein Kommando“, erzählt er mir, ohne Stolz, fast ein wenig schüchtern. Er ist ein ruhiger junger Mann mit einem offenen, interessierten Blick. Er hat eine angenehme, zurückhaltende Art und ein höfliches Lächeln.

Sein Einsatzgebiet ist das südliche Israel. Er war Teil der jüngsten israelischen Offensive im Gaza Streifen. Nur wenige Tage nach Beginn des Gaza-Krieges war er verwundet worden. Seitdem ist er beurlaubt. Während der Unterhaltung fragt er mehrmals nach, weil er etwas nicht verstanden hat. Er entschuldigt sich: Seit dem Krieg höre er auf einem Ohr etwas schlecht, sagt er. Bis vor einigen Tagen konnte er sich nur mit Gehhilfen fortbewegen.

Ich frage ihn, wie es zu der Verletzung kam. Er erzählt, dass er gemeinsam mit weiteren israelischen Soldaten Stellung in einem palästinensischen Haus bezogen hatte als sie beschossen wurden. Ein Geschoss explodierte in seiner unmittelbaren Nähe. Zwei seiner Kameraden starben bei der Attacke. Er wurde schwer verwundet.

Israelische Soldaten hatten auf das Haus gefeuert. Die „intelligenten“ israelischen Waffen, welche angeblich so gut zwischen Zivilisten und Kämpfern unterscheiden können, hatten die eigenen Leute getroffen. „Friendly Fire“ heißt dies beim Militär.

Nicht einmal zwei Monate zuvor traf ich in Berlin eine Palästinenserin aus dem Gaza Streifen. Sie erzählte mir vom Schrecken des Krieges. Beinahe tägliche verfolgte ich im Dezember und Januar die Berichterstattung über den Gaza-Krieg. Ich sah die Toten, die Verwundeten, die Phosphorbomben. Vor nur zwei Tagen berichteten viele internationale Medien schließlich über die Vergehen einiger israelischer Soldaten im Krieg; über die unverhältnismäßige Gewalt und über das Töten von Zivilisten.

Zum Abschied schüttele ich Hände. Ich blicke in die freundlichen Augen des jüngsten Sohnes. „Wir sind eine ganz normale israelische Familie“ hatte sein Bruder mir erklärt.“ „Jeder hier war beim Militär. Jeder war in einem Krieg.“

Nachtrag

Ich habe eine Weile überlegt, ob ich diesen Beitrag tatsächlich schreiben soll. Ich war bei einer Familie eingeladen. Sie haben mit mir ihr Essen geteilt und mich an ihren religiösen Feierlichkeiten teilhaben lassen. Ich habe ihnen nie ausdrücklich gesagt, dass ich über sie schreiben würde. Sie konnten zu meiner Darstellung auch keine Stellung beziehen. In keiner Weise wollte ich diese spezielle Familie direkt mit Kriegsverbrechen in Verbindung bringen.
Mein Ziel war es aber, einen Eindruck zu vermitteln, von den Gegensätzen, denen ich in diesem Land täglich begegne und vor allem von der allgegenwärtigen Militarisierung der Gesellschaft.

Der jüngste Sohn hat nur wenige Tage in Gaza gekämpft und war nur kurz am Kampfgeschehen beteiligt.


Blick von Jaffa nach Tel-Aviv

Donnerstag, 2. April 2009

°5 __Strandleben, Falafelbars und M16-Gewehre

Tel Aviv hat einen langen Sandstrand. Jugendliche sitzen hier am Nachmittag in kleinen Gruppen zusammen. Rucksack-Touristen trinken in der Sonne ihr Bier. Junge Menschen spielen am Strand Fußball oder Beachball - das Spiel mit den zwei Holzschlägern und dem bunten Plastikball. Großfamilien essen gemeinsam auf bunten Decken. Pärchen sitzen auf den Felsblöcken und halten Händchen.

Als ich die Strandpromenade entlang laufe baut gerade ein junger Mann in Uniform gemeinsam mit seiner weiblichen Begleitung eine Sandburg. Sie lachen. Nicht weit davon entfernt, sitzen drei junge Männer im Kreis. Einer hat seine Militärstiefel ausgezogen und seine Uniform aufgeknöpft. Er lauscht dem Gitarrenspiel seines Freundes, dessen lange Rasta-Locken unter einer bunten Mütze hervor quellen. Die Sonne scheint. Am Himmel ist keine Wolke zu sehen. Man hört die Wellen und das regelmäßige Klacken der bunten Bälle auf den Holzschlägern. Leise klingt Gitarrenspiel herüber. Ein Holländischer Rucksacktourist erzählt mir, Israel sei sein „absolutes Lieblingsland.“

Am Abend sitze ich mit israelischen Bekannten vor einem Falafel-Lokal. Es ist ein milder Abend. Die Tische vor dem Lokal sind gut gefüllt. Es duftet nach Essen. Um mich herum sitzen Menschen aller Hautfarben. Osteuropäer, Nordafrikaner, Westeuropäer, Menschen aus den arabischen Ländern, Asiaten, alles scheint hier vertreten zu sein. Wortfetzen dringen an mein Ohr. Laute und leise Stimmen, hohe und tiefe. Die kunterbunte Menschensammlung spricht in einer gemeinsamen Sprache: Hebräisch. Wiederbelebt im frühen 20. Jahrhundert, als Nationalsprache für das neue/alte Heimatland der Juden. Heute wird vor den Tel-Aviver Falafel-Lokalen auf Hebräisch geklönt, geklatscht und diskutiert.

Wenn man am Strand von Tel-Aviv spazieren geht oder abends vor einem der zahlreichen Cafés und Restaurants sitzt, bekommt man einen kleinen Eindruck davon, was dieses Land wohl für viele Juden bedeuten muss. Israel: Die Heimat für das Volk ohne Land. Der sichere Zufluchtsort für die verfolgten Juden aus aller Welt. Die Heimat der Vertriebenen. Menschen aus aller Welt leben friedlich nebeneinander.

Nur eine gute Autostunde von Tel-Aviv entfernt leben Menschen auf einem kleinen Fleckchen Land. Die meisten von ihnen können nicht verreisen. Die Grenzen sind geschlossen. Vor wenigen Monaten rollten Panzer in diesen kleinen Landstreifen. Wochenlang gab es Luftangriffe. Israelische Soldaten mit M-16 Gewehren schossen scharf. Häuser wurden dem Erdboden gleich gemacht. Phosphorbomben fielen vom Himmel. Die Grenzen blieben geschlossen. Weit über Tausend Menschen starben im Gaza-Krieg - tausende wurden verletzt.

Ein großer Teil der Menschen im Gaza-Streifen lebt in Flüchtlingslagern. Viele bereits in zweiter oder dritter Generation. Vor 60 Jahren mussten sie Platz machen - Platz für den neuen jüdischen Staat - geflüchtet vor dem Krieg, vertrieben aus ihrer Heimat.

Vom Falafel Lokal aus blicke ich über die Straße. Auf der anderen Seite geht eine Gruppe junger Soldaten vorbei. Ihre Lederstiefel sind poliert. Über der Schulter tragen sie ihre Kampfgewehre. Ein schwarzes Monstrum, das auf den schmächtigen Schultern der Jungsoldaten noch monströser wirkt. Einer der Soldaten kommt im Laufschritte herüber. Er bestellt sich einen Falafel. Er scherzt mit dem palästinensischen Verkäufer. Von seiner Schulter baumelt das Gewehr.