"Warum kommen Sie nach Israel? Warum bleiben Sie zwei Monate? Und warum reisen Sie alleine?" Eine junge Frau starrt mich durch eine dicke Scheibe aus Sicherheitsglas an und stellt mir immer wieder die gleichen Fragen. Sie ist eine von insgesamt drei Sicherheitsbeamten, die mich nach der Landung auf dem Flughafen von Tel-Aviv ausführlich befragen. Immer wieder fragt sie mich: "Warum reisen Sie alleine?" Sie ist nicht viel älter als ich. Die Befragung fühlt sich immer stärker an wie ein Verhör. Ich stammele unzusammenhängendes Zeug, irgendwas von Tourismus und Hostels und Israel kennen lernen. Ich bin nervös, schließlich will ich auch noch in die Palästinsischen Gebiete weiter reisen. Man hat mir erzählt , dass Besucher der Palästinensischen Gebiete öfter unangenehm lange befragt werden. Mein Gestotter muss die junge Frau letztendlich wohl aber doch von meiner Harmlosigkeit überzeugt haben. Sie reicht mir meinen Pass und ich darf einreisen. Am Gepäckband stelle ich fest, dass sie mir keinen Einreise-Stempel gegeben hat.
Schon bei der Bahnfahrt in die Stadt bemerke ich die ersten kleinen Unterschiede. Was als erstes auffällt, sind die vielen jungen Menschen in Militär-Uniform. Sie tragen keine Waffen, trotzdem bieten sie ein ungewohntes Bild. Ungewohnt ist es auch, sich beim Aussteigen aus dem Zug durch eine Menschentraube hindurchkämpfen zu müssen. Während man versucht heraus zu kommen versuchen gleichzeitig zwanzig Personen sich in den Zug zu pressen. Ich fühle mich wie in dem Informationsflim der Berliner Verkehrsbetriebe, in dem ein junger Mann beim Versuch die U-Bahn zu verlassen von einem Footballteam überrant wird.
Im Zentrum von Tel-Aviv treffe ich meinen Gastgeber für die nächsten zwei Nächte. Er ist sehr höflich, ein wenig distanziert. (Lächeln scheint in Tel-Aviv für einige wenige Anlässe reserviert zu sein. Die Menschen wirken auf den ersten Blick, selbst für einen Wahlberliner, recht kühl und distanziert.) Mein Gastgeber hatte spontan zugesagt mich auf einer Couch in seinem Zimmer übernachten zu lassen. Wofür ich ihm wirklich dankbar bin. Wir tauschen uns kurz aus. Er ist eigentlich Journalist, ist aber gerade ‚in between jobs’, wie er sagt. In letzter Zeit hat er viel Wahlkampf gemacht. „Wahlkampf?“ frage ich erstaunt, „für wen denn?“ "Für den neuen Premierminister Israels" sagt er ein wenig stolz und zeigt dabei auf ein überlebensgroßes Plakat von Benjamin Netanjahu, das auf seinem Bett steht. Netanjahu ist ein konservativer Hardliner der israelischen Likud-Partei.
Meinen ersten Abend in Tel-Aviv verbringe ich damit, durch die Straßen zu wandern und das „Tourist Information Centre“ zu suchen. Welches sich anscheinend nicht (mehr) dort befindet wo mein Lonely Planet es vermutet. Ich kann das Tourismusbüro leider nicht ausfindig machen, stattdessen marschiere ich versehentlich in das Rathaus von Tel-Aviv und frage nach Stadt- und Busplänen. Ich werde vom Sicherheitspersonal höflich aber bestimmt wieder hinaus geleitet. Schließlich gebe ich die Stadtplansuche auf und verbringe den Rest des Abends in einem netten Café, wo ich bei Salat und israelischem Bier auf meinen Laptop einrede. Die anderen Gäste im Lokal zeigen sich etwas irritiert über den lauten, gestikulierenden Touristen, der alleine an seinem Tisch sitzt und mit seinem Computer spricht. Aber diesmal geleitet mich zumindest niemand wieder heraus. Außerdem könnte ich schwören, dass ich bei dem Barkeeper den Anflug eines Lächelns gesehen habe, als ich mein zweites Bier bestelle.
Nach meinem ersten Ausflug lege ich mich zum Schlafen auf die Couch meines Gastgebers. Vom Poster aus schaut mir Benjamin Netanjahu über die Schulter.