Morgens weckt mich das Neonlicht aus dem Flur. Ich habe gut geschlafen. Das Erste was ich sehe als ich die Augen öffne ist das überlebensgroße Gesicht des neuen israelischen Ministerpräsidenten - vom Plakat an der Wand starrt er mich an. Nur wenige Stunden später werde ich ihm in persona gegenüber stehen.
Mein Gastgeber hat gesten abend spontan angeboten mich heute auf eine Pressekonferenz mitzunehmen - eine Pressekonferenz von Benjamin Netanjahu. Die erste Pressekonferenz nach den Koalitionsverhandlungen zur neuen israelischen Regierung.
Ohne Frühstück steigen wir in ein ziemlich mitgenommenes, rostiges Auto. Die Beifahrertür muss ich aufstemmen, die Karosserie ist völlig verzogen. Ich schnalle mich an. Mein Gastgeber hat es eilig. Zwei Stunden dauert die Fahrt nach Jerusalem. Mein neuer israelischer Freund erklärt mir, dass man die Strecke an einem guten Tag in 50 Minuten schaffen kann. Es sei beinahe wie eine Fahrt auf der "Autobahn". Das Anschnallen war eine gute Idee, die israelischen Verkehrsteilnehmer haben einen „besonderen Fahrstil“. Besonders im Stadtverkehr scheint die Hupe öfter zum Einsatz zu kommen als die Bremse. Auch mein Begleiter fährt zeitweise mit einem Bein angezogen, vor das Armaturenbrett geklemmt. Er nimmt gerne zwei Spuren auf einmal und erzählt gerne und viel während wir uns durch den Verkehr Richtung Jerusalem schieben. Auf unserer Fahrt bekomme ich eine kurze Einführung in den Israel-Palästina Konflikt aus Sicht der Likud-Partei.
Nach knapp zwei Stunden Fahrt finde ich mich in einem noblen Hotel in Jerusalem wieder, "das zweitschönste Hotel Jerusalems", wie mir mein Gastgeber versichert. Beim Eintreten wird meine Tasche durchsucht. Wir treten in die Lobby und stehen plötzlich vor einer Dame, die uns nach unseren Namen fragt. Mein Begleiter flüstert mir noch schnell ins Ohr: "Sag Ihnen, du bist ein Journalist von einer deutschen Zeitung." Ich schreibe meinen Namen und den einer deutschen Regionalzeitung auf ein Stück Papier und hoffe, dass die Dame nicht weiter nachfragt. Nach einer erneuten Durchsuchung meines Gepäcks, lässt man mich in den Veranstaltungssaal. Maximal fünfzig Leute sind anwesend. Mindestens zehn Fernsehkameras sind auf die Bühne gerichtet. Ich atme tief durch, setze mich und versuche professionell zu wirken. Also hole ich mein Diktiergerät und meinen Laptop heraus. Einen Moment zögere ich bevor ich auch die kleine rosa-farbene Digitalkamera hervorkrame. (Danke Katrin)
Ein Blitzlichtgewitter geht los. Benjamin Netanjahu geht nur eine Handbreit entfernt an mir vorbei und setzt sich auf die Bühne. Für einen kurzen Moment denke ich an den Schuh-Schmeißer von Bagdad. Netanjahus Auftritt dauert keine zehn Minuten. Ich schaffe es nicht in der kurzen Zeit meine Kamera vernünftig einzustellen, stattdessen breche ich den Auslöser-Knopf ab. Meine potentielle Karriere als erfolgreicher Fotojournalist ist damit wohl an absolutem Unvermögen gescheitert. Um mich herum klicken die Kameras. Herr Netanjahu beginnt zu sprechen.
Sprengmeister Bibi reiht noch ein paar weitere Floskeln aneinander und so plötzlich wie er erschienen ist verschwindet er auch wieder.
Nach der Pressekonferenz blieb mir nur noch Zeit für einen Kurzbesuch Jerusalems. Eine beeindruckende Stadt, in der ich auf jeden Fall noch mehr Zeit verbringen werde. Auf der Rückfahrt nach Tel-Aviv habe ich erneut eine lange und interessante Unterhaltung mit meinem israelischen Gastgeber. Zurück in Tel-Aviv führt er mich dann in den, nach seiner Aussage, „besten Humus Laden des ganzen Landes!“
Als ich mich nach dem Essen schließlich wieder auf meine Couch setze um mein E-Mails zu schreiben, schaue ich wieder in das Gesicht auf dem Poster. Ich ziehe einen Schuh aus.